"Clara Mosch" sorgt weiter für Aufsehen

Mit fast 40 Jahren Verspätung kommen Details über ein Ereignis ans Tageslicht, das sich einst in der Dunkelheit von Dittmannsdorf zutrug. Verfolgte damals die Stasi das Geschehen, so beschäftigen sich nun die Veranstalter einer großen Ausstellung mit den verantwortlichen Künstlern.

Dittmannsdorf.

Mit nachdenklichem Blick und leichtem Kopfschütteln haben Besucher des Dittmannsdorfer Kappenballs gelesen, was da auf dem Turnhallenboden geschrieben stand: "Das Scheigen von Clara Mosch wird unterbewertet." So muss es wohl auch Spaziergängern ergangen sein, die im Sommer 1980 in Richtung Kunnersdorf über die Dittmannsdorfer LPG-Straße liefen, die heute den Namen Kapstraße trägt. Mitglieder und Freunde der Künstlergruppe "Clara Mosch", die von 1977 bis 1982 in Karl-Marx-Stadt aktiv war, hatten anlässlich eines Geburtstags dort am 28. Juni 1980 gefeiert.

Kreative Aktionen prägten jene Nacht, die besagte Spuren auf der Straße hinterließ. Allerdings bekam die Öffentlichkeit davon nichts mit, wie Enrico Münzner vom Heimatverein sagt: "Wir haben viele Leute der Umgebung gefragt, doch niemand wusste etwas darüber." Dass die Ereignisse nun aber doch noch Wellen schlagen, sei der Stasi zu verdanken. Besser gesagt einigen Teilnehmern der Messe "Artists & Agents", die in den Stasi-Unterlagen stöberten und auf den Fall Clara Mosch stießen - perfekt geeignet für das Thema "Performancekunst und Geheimdienste". Schließlich waren bis zu 100 Spitzel auf die Künstler angesetzt, deren Gruppenname sich aus Teilen der Familiennamen zusammensetzte: Carlfriedrich Claus, Thomas Ranft, Michael Morgner und Gregor-Torsten Schade.

Mit Inke Arns, Kata Krasznahorkai und Sylvia Sasse reisten drei Kuratorinnen der Dortmunder Ausstellung für ihre Recherchen eigens nach Dittmannsdorf. "Sie suchten genau die Stelle, an der es passiert ist", erzählt Enrico Münzner, der die Besucherinnen Anfang September traf. Obwohl der Vorsitzende des Heimatvereins bestens mit der Ortshistorie vertraut ist, geriet selbst er ins Staunen. Denn die mysteriösen Ereignisse waren nicht nur jahrzehntelang verschwiegen worden, sondern hatten auch noch eine trickreiche Wendung zu bieten.

In einem Bericht der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Karl-Marx-Stadt von 1984 wurde Kurt Buchwald als Täter ausgemacht, der zum Freundeskreis der Gruppe gehörte. Als in jener Nacht sein 27. Geburtstag gefeiert wurde, habe er die "Schmiererei" mit weißer Alkydharzfarbe auf die Straße gebracht. Dabei wollte er angeblich auf eine Aktion des westdeutschen Künstlers Joseph Beuys aus dem Jahr 1964 anspielen: "Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet." So lauteten die Angaben des inoffiziellen Mitarbeiters (IM) "Frank Körner". Dass sich dahinter ein Mitglied der Künstlergruppe verbarg, das sogar die Stasi selbst täuschte, wurde erst später klar.

Als Kurt Buchwald in den 1990er-Jahren seine Stasi-Unterlagen anforderte, kam heraus, dass Ralf-Rainer Wasse jahrelang als Spitzel gearbeitet hatte. Er war Fotograf der Künstlergruppe "Clara Mosch" gewesen, sodass die Stasi auch über eine umfangreiche Bilddokumentation verfügte. Und offenbar hatte Wasse auch etwas dagegen, dass Buchholz in den Verband Bildender Künstler der DDR aufgenommen werden wollte. Diese Interpretation liegt nahe, da der Spitzel selbst den Spruch auf die Straße geschrieben hatte, um die Aktion hinterher Buchholz in die Schuhe zu schieben. In seinem Bericht gab IM "Frank Körner" an, dass das damalige Geburtstagskind mit der Aktion auf die durch Staatsdruck provozierte Schließung der "Galerie Clara Mosch" reagiert habe. Der Antrag wurde aber dennoch akzeptiert, sodass Buchwald bald zum Verband Bildender Künstler gehörte.

Die Verleumdungsaktion in der Dunkelheit von Dittmannsdorf hatte somit keine unmittelbaren Folgen, sorgt aber 39 Jahre später für Schlagzeilen. "Ein Fernsehbeitrag des ZDF, in dem über die Dortmunder Ausstellung berichtet wird, beginnt mit dem Fall Clara Mosch in Dittmannsdorf", sagt Enrico Münzner mit erkennbarem Stolz. Er selbst will sich "Artists & Agents" erst im Dezember anschauen, hat aber bereits auf die Recherchen reagiert. So komme das Motto der diesjährigen Klein-Tiroler Faschingssaison nicht von ungefähr. Mit "Kunst und Krempel" werde auch auf die Geschehnisse in jener Sommernacht des Jahres 1980 eingegangen. Die Frage, wer beim Kappenball zum Pinsel griff, dürfte also leichter zu klären sein als der damalige Fall.

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