Das Messer war schon an der Pulsader

Immer mehr Menschen werden obdachlos. In Annaberg-Buchholz sind es Ende des vergangenen Jahres offiziell 55 gewesen - Tendenz steigend. Ein Betroffener erzählt von seinem Schicksal.

Annaberg-Buchholz.

Werner Sauerländer* ist reich. Dabei hat der Annaberger weder einen Ferrari in der Garage stehen, noch eine Yacht und schon gar keine Millionen auf dem Konto. Der 62-Jährige definiert reich etwas anders. Für ihn bedeutet dieses kleine Wörtchen ein Dach über dem Kopf und ein Bett zu haben. Das war nicht immer so. Mit der Wende war Werner Sauerländer, wie viele Ostdeutsche damals auch, den neuen materiellen Verlockungen erlegen. Nach und nach entglitt ihm die Kontrolle - über sich, über sein Leben. Diesem wollte er schließlich ein Ende setzen. "Das Messer war schon an der Pulsader", erinnert er sich. Doch von vorn.

Werner Sauerländer führte eigentlich ein ganz normales Leben. Nachdem er 1965 seine Lehre als Betonbauer beendet hatte, arbeitete er zunächst noch drei Jahre in dem Job. 1968 ging er zur Armee - bis 1972. Anschließend heiratete er. Das Paar bekam drei Kinder. Dann, 1979, folgte die Scheidung. Werner Sauerländer zog es zurück ins Erzgebirge. Zunächst wohnte er einige Jahre im Haus seiner Großmutter in Steinbach, ehe er 1990 nach Annaberg-Buchholz umsiedelte und eine Arbeit als Hausmeister annahm. "Weil mein damaliger Arbeitgeber mir aber kaum etwas bezahlt hat und ich andererseits mit Geld nicht umgehen konnte, begannen meine finanziellen Schwierigkeiten", erzählt der heute 62-Jährige. Er lebte weit über seine Verhältnisse, spricht ganz offen von Konsumrausch. Insbesondere Unterhaltungselektronik habe es ihm damals angetan. Hier der neue Fernseher, dort die moderne Stereoanlage. Schon bald verlor er den Überblick über all die Rechnungen und Kredite. Er zog sich zurück, resignierte, schämte sich. "Ich wäre am liebsten unter statt auf der Straße gelaufen", sagt er. Kontakt zu seiner Familie, den Kindern, hatte er zu dem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Weil er letztlich auch die Miete nicht mehr zahlen konnte, erhielt er die fristlose Kündigung. Dieser schloss sich eine Zwangsräumung an. "Als ich aus der Wohnung geflogen bin, hatte ich nichts mehr außer die Kleidung, die ich am Leib getragen habe", so Werner Sauerländer.


Das passierte im Frühjahr 2006. Draußen wurde es langsam warm. Die von einem Bekannten zur Verfügung gestellte Gartenlaube, in der der Annaberger schlafen konnte, war zunächst ziemlich angenehm - bis zum Winter. Aus der Gartenlaube musste er raus. Nun war Werner Sauerländer richtig obdachlos. Als regelmäßige Anlaufstelle blieb nur die Wärmestube der Malteser. Dort gab es auch Essen. "Diese Zeit war verdammt hart. Ich habe damals unter anderem zwei Nächte im Treppenaufgang des Parkhauses Gerisch Ruh geschlafen, bei minus 20 Grad", so der Annaberger.

Irgendwann hatte er alles satt, sah keinen Ausweg mehr und wollte sich die Pulsadern aufschneiden. Dann ging er aber doch zur Polizei. Dort konnte er eine Nacht schlafen, ehe er an die Wohnungslosenhilfe der Diakonie vermittelt wurde. "Das war am 11. November 2007. Als Werner hier ankam, hatte er keinen Ausweis mehr, war nicht krankenversichert und bezog nirgendwo her Leistungen", erinnert sich Fachbereichsleiter André Stephan.

Mit jenem Tag aber begann für Werner Sauerländer ein neues Leben. Am 1. Januar 2008 ist er in eine Wohnung in Ehrenfriedersdorf gezogen, hat inzwischen drei Jahre wieder sozialversicherungspflichtig gearbeitet und ist seit 2012 schuldenfrei, sagt André Stephan. Und der 62-Jährige hat wieder Kontakt zu seiner Familie und seinen drei inzwischen erwachsenen Kindern. (*Name geändert)


Notunterkunft für Wohnungslose in Annaberg-Buchholz verfügt über sechs Plätze

Seit der Schließung des Obdachlosenheimes in Annaberg-Buchholz 2007 erhalten Menschen ohne eigenen Wohnraum im Gebäude Untere Schmiedegasse 20 eine Unterkunft zugewiesen. In einem zwischen Kreisstadt und Diakonischem Werk bestehenden Vertrag ist die Betreuung und Unterstützung Betroffener auf der Suche nach Wohnraum geregelt.

Wohnungslose, deren Zahl immer mehr zunimmt, dürfen in dem Not-asyl, das über sechs Plätze verfügt, im Schnitt drei bis vier Monate bleiben. 2012 wurden 17 Klienten aufgenommen. Davon waren 14 männlich und drei weiblich.

Auslöser, die zur Wohnungslosigkeit führen, sind vordergründig Trennungen/Scheidungen, Überschuldungen sowie Alkohol- und neuerdings immer öfter Drogensucht.

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