Der Räuber kommt in der Nacht: Eine einzige Henne bleibt übrig

Dass sie das noch erleben muss: Eine 95-jährige Gelenauerin fand ihren Hühnerstall geplündert vor. Zwölf Hennen wurden gestohlen. In der Region ist das längst kein Einzelfall.

Gelenau.

Für Brigitta Lieberwirth gehört es zur alltäglichen Routine. Gegen 6 Uhr morgens steht die Rentnerin auf, verlässt ihr Haus und schaut nach den Hühnern. Der hölzerne Stall befindet sich auf dem Grundstück, nur etwa 50 Meter vom Haus entfernt. An jenem Sonntagmorgen vor einer Woche offenbarte sich ihr jedoch ein grausiges Bild: Das gesamte Grundstück am Gelenauer Louis-Riedel-Weg war mit Federn bedeckt - hier und da leuchteten Blutspuren zwischen den Gräsern.

"Ich dachte, ich bin in einem Albtraum gefangen", erinnert sich die Gelenauerin. Ein Blick in den Stall bestätigte die schreckliche Vermutung. Die Legehennen waren verschwunden. Alle bis auf eine. Das verängstigte Tier hockte mutterseelenallein in der Ecke und brütete apathisch vor sich hin. "Ich würde gerne wissen, was die einzige Zeugin in dieser Nacht gesehen hat", wünscht sich Brigitta Lieberwirth.


Die schwierigste Aufgabe stand der 69-Jährigen noch bevor. Denn die verschwundenen Hühner, zwölf an der Zahl, gehörten ihrer Mutter. Dorothea Herrmann ist 95 Jahre alt und wohnt gleich nebenan. Aus dem zweiten Stock ihres mehr als 100 Jahre alten Hauses hat die Rentnerin einen guten Blick auf den Stall. "Die Hühner sind für sie wie Kinder gewesen", sagt Tochter Brigitta. "Dass mir so etwas in meinem Alter noch passieren muss - am liebsten würde ich gar nicht mehr aufstehen", soll Dorothea Herrmann gesagt haben, als sie die Horrornachricht hörte.

"Können Sie mir helfen, meine Hühner wieder zu bekommen", fragt die 95-Jährige, als der Fotograf ein Bild von ihr und der letzten verbliebenen Henne im Hauseingang schießt. Den Weg zum Stall möchte Dorothea Herrmann nicht mehr auf sich nehmen. Da ist der Vorfall fünf Tage her. Tochter Brigitta und ein Helfer, der Dorothea Herrmann bei Haus- und Gartenarbeiten unterstützt, schauen sich einmal mehr am Tatort um. Vor dem Tor der Einzäunung, die den Stall vom restlichen Grundstück abtrennt, befindet sich ein kleines Loch. Eine Holzlatte an der Unterseite des Gatters ist in der Mitte abgebrochen. Genug Platz für einen Fuchs oder einen Marder, um hindurch zu schlüpfen.

Der Helfer, der namentlich nicht genannt werden möchte, wundert sich dennoch: "Wie soll der Fuchs mit seiner Beute durch einen so engen Spalt schlüpfen?" Dass der Räuber mitsamt Beute die Hühnerklappe zwischen Freigehege und Stall aufgestoßen haben und hindurchgekrochen sein soll, kann er auch nicht recht glauben: "Das waren richtig große Legehennen."

Im Gegensatz zu dem Meer an Federn im Freigehege und auf dem Grundstück, habe er am Morgen nach dem Vorfall nur wenige Federn innerhalb des Stalls gefunden. Das würde darauf hindeuten, dass der Hauptverdächtige, der Fuchs, die Tiere lebend aus dem Stall gezerrt haben muss. Bei zwölf Hennen muss er mehrmals wiedergekehrt sein und jedes der Tiere einzeln in seinen Bau geschleppt haben.

"Bei so einem Vorfall geraten die Hennen mächtig und Panik und machen einen Riesenkrawall", sagt Kay Meister. Der Vorsitzende des Vereins Natura Miriquidica ist Biologe und kennt sich aus mit Füchsen. Dass niemand etwas gehört hat, könnte mit dem Wetter zu tun haben. "In der Nacht hat es ordentlich gedonnert", sagt Brigitta Lieberwirth. Ob der Räuber sich das Wetter zunutze gemacht hat? Soviel Kombinationsgabe traut Biologe Meister den Tieren nicht zu. Dass der Fuchs die Hennen einzeln aus dem Stall holt, sei aber typisch, erläutert der Biologe: "Zwölf Hennen sind durchaus nicht unüblich." Ihren Bau würden die Füchse immer häufiger in der Nähe von Siedlungen aufschlagen. "Die haben längst die Scheu vor dem Menschen verloren."

Im Gelenauer Fall hatte Brigitta Lieberwirth selbst noch Federn auf einem unbewohnten Nachbargrundstück gefunden, das an den Wald grenzt. Ein Nachbar habe einige Tage vor dem Hühnerraub einen Fuchs gesehen, der auf dem offen begehbaren Grundstück von Brigitta Lieberwirth herumschlich. In Gelenau sind Füchse eine Plage. "44 Hühner und Hähne haben die Rotpelze schon totgebissen", sagte Benjamin Wiltzsch, Vorsitzender des Rassegeflügelzüchtervereins Gelenau vor einem Monat.

Dorothea Herrmann ist derweil froh, dass ihr wenigstens eine Henne geblieben ist: "Ich will aber nicht, dass sie ganz allein zurückbleibt." Das Tier lebt daher jetzt nicht mehr im Hühnerstall, sondern ist zum Schaf gezogen. "Die kennen sich schon lange und kommen prima miteinander aus", sagt die ehemalige Landwirtin.

Doch der Hühnerstall soll nicht leerbleiben. Mitte August, so der Plan, sollen zwölf neue Hennen und ein Hahn einziehen. Bis dahin wird sich die Familie Gedanken machen müssen, wie sie den 65 Jahre alten Stall zu einem sicheren Hort macht. (mit mb)

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