Der tüftelnde Oboist: Cranzahler Firma erobert Weltmarkt

Udo Heng spielte jahrelang Oboe im Annaberger Theater. Dann hatte er eine Idee, die ihn zu einer Art Berühmtheit in den Konzertsälen machte. Seine eigenen musikalischen Fähigkeiten spielen da nur bedingt eine Rolle.

Cranzahl.

Man könnte Udo Heng auch den Daniel Düsentrieb der Oboisten nennen. Statt Teil eines Orchesters ist der 52-Jährige mittlerweile Geschäftsmann durch und durch. Vor 20 Jahren gründete er die Firma Reeds 'n Stuff. Reeds heißt übersetzt Schilf oder Rohr. Oboisten nennen so ihre Mundstücke. Und genau darum geht es Heng. Mit seinen Produkten können Oboisten, Fagottisten, Klarinettisten und sogar Dudelsackspieler auf der ganzen Welt ihre Mundstücke ganz einfach selbst produzieren. Das Steckenpferd des Unternehmens sind allerdings Oboen, mit denen alles begann. In diesem Bereich sei man führend - weltweit. Bald soll das auch für das Fagott gelten.

Absolute Nische könnte man als Laie jetzt denken. Dass es diesbezüglich aber einen Markt gibt, liegt zum einen daran, dass jedes Orchester mindestens einen Oboe-Spieler braucht. In der Regel haben sie drei bis sechs. Global gesehen macht das laut Udo Heng mindestens eine Million Oboisten. Und jeder von ihnen verbraucht während seiner Laufbahn Hunderte gar Tausende dieser Mundstücke, die an den Enden so dünn sind, dass das Licht durchscheint. Doch nicht nur die Fragilität schafft Bedarf. So ist der Klang einer Oboe von topografischen und klimatischen Gegebenheiten abhängig. Je nachdem, auf welcher Höhe ein Konzertsaal liegt oder wie hoch die Luftfeuchtigkeit und der -druck ist, braucht der Oboist ein anderes Mundstück. Diese zu kaufen, ist aber so teuer, dass beinahe jeder Oboist die Rohre selbst anfertigt.


An dem Punkt kommen die Rohrbaumaschinen von Reeds 'n Stuff ins Spiel. "Ich war mit dem, was es damals zu kaufen gab, nicht zufrieden", sagt Udo Heng und blickt damit 20 Jahre zurück. So kam er auf die Idee, eine Maschine nach den eigenen Vorstellungen anzufertigen. Und da es damals Befürchtungen gab, das Orchester, in dem er spielte, könnte aufgelöst werden, wagte er den Schritt und wurde Firmengründer. Start-up würde man das heute nennen. Zwar wurde das Orchester nicht aufgelöst, Udo Heng blieb sogar bis vor wenigen Jahren ein Teil davon, doch die Firmengründung war vollbracht. "Begonnen habe ich mit einem Mitarbeiter, jetzt sind wir 13 Leute", erzählt Heng. Die erste Dienstreise führte ihn in die USA zu einer Musikmesse. Gefertigt wird aber im Erzgebirge. "Hier gibt es hervorragende Zulieferer", sagt der gebürtige Hesse und Wahl-Leipziger.

Bei Reeds 'n Stuff finden Musiker alles, was sie für ein perfektes Mundstück brauchen. Das fange bereits beim Rohmaterial an. Dabei handelt es sich um Arundo Donax, auch Pfahlrohr genannt. Zu finden ist diese Pflanze im Mittelmeerraum. "Es muss sehr langsam getrocknet werden, damit es die idealen Eigenschaften entwickelt", erklärt Udo Heng. Ganz geschickte Oboisten machen alle Schritte bis zum fertigen Rohr selbst. Dazu gehören unter anderem das Spalten, Schneiden, Innen- und Außenhobeln. Die benötigten handwerklichen Fähigkeiten erlernen die Musiker während ihrer Ausbildung.

Wie beliebt die goldfarbenen Maschinen, die Instrumentenständer, Etuis und Co. bei Musikern sind, zeigt sich in den Dienstreisen von Udo Heng. Pro Jahr reist er so viele Kilometer, dass er dreimal die Erde umrunden könnte - USA, Russland, Südamerika, Australien. Er hält Vorträge und kennt die besten Oboisten der großen Orchester. Nicht selten kommen die nach Cranzahl, um persönlich beraten zu werden. Und die Entwicklungen gehen weiter. Bei der kürzlich stattgefundenen Frankfurter Musikmesse spielten vor allem Industriemaschinen der Cranzahler Firma eine Rolle. Damit können Instrumentenbauer schnell und effektiv Rohre produzieren.

Im Sommer halten in der Produktionshalle in Cranzahl zudem Roboteranlagen Einzug, um die Effizienz zu steigern. Doch Roboter ersetzen keine Mitarbeiter. Künftig will Heng Asien weiter erschließen. Gerade in China gebe es einen großen Pool an Oboisten, so Heng.

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