"Die Kunden lieben gedruckte Kataloge"

Dregeno-Geschäftsführerin Juliane Kröner über die Digitalisierung, den Fachkräftemangel und Hybridprodukte

Seiffen.

Die Dregeno Seiffen feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen und mit ihr die 124 Mitgliedsbetriebe, die in Seiffen erzgebirgische Holzkunst herstellen. Georg Müller sprach mit Geschäftsführerin Juliane Kröner (42) über die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte.

"Freie Presse": Sie bereiten derzeit die 100-Jahr-Feier der Dregeno vor - obwohl Sie sich in Elternzeit befinden. Wie bekommen Sie das unter einen Hut?

Sascha Aurich

Aurichs Woche:Der „Freie Presse“-Sonntagsnewsletter von Sascha Aurich

kostenlos bestellen

Juliane Kröner: Die Handwerker hier in Seiffen bekommen auch alles unter einen Hut. Produktion, Familie, Messen und so weiter. Leben und Arbeit ist bei ihnen eins. Ich habe mir das zu eigen gemacht. Als Chefin kann ich mein Baby mal zur Arbeit mitbringen.

Was ist im Zuge des Jubiläums geplant?

Im Spielzeugmuseum Seiffen ist eine neue Sonderausstellung mit vielen Exponaten zu sehen. In unserem Stammhaus an der Hauptstraße haben wir eine Ausstellung zur Geschichte der Dregeno vorbereitet. An den Wänden finden sich Fotos aller Handwerker unserer aktuellen Mitgliedsbetriebe. Im Juni erscheint ein Jahrhundert-Buch mit Informationen zu den Betrieben, zur Produktion, zur Technik und zu Stilen.

Es ist also einiges vorgesehen. Wer auf die Internetseite der Dregeno schaut, findet von all dem nichts. Wie kommt das?

Wir werden unser am Samstag beginnendes Jubiläum im Laufe des Jahres noch mehr bewerben.

Sie sind in sozialen Netzwerken präsent, etwa auf Instagram, wo sich Bilder und Videos teilen lassen. Dort erscheinen aller paar Monate neue Einträge. Es gibt nur 452 Abonnenten. Auch bei Facebook sieht es eher dürftig aus. Verschlafen Sie das digitale Zeitalter?

Vor sechs Jahren, als ich bei Dregeno begann, leitete ich die Digitalisierung ein. Unsere Kunden lieben aber nach wie vor gedruckte Kataloge.

Wer kauft üblicherweise Ihre Holzkunst? Ältere Menschen?

Es wird immer gesagt, dass es vordergründig ältere Kunden sind. Ich habe mich eines Besseren belehren lassen und sehe viele Familien, die ihren Kindern die erzgebirgische Holzkunst mit auf den Weg geben.

Gerade jüngere Menschen lassen sich über soziale Medien ansprechen. Ist der Aufwand so groß, zum Beispiel Bilder der Produktion der Mitgliedsbetriebe auf Instagram zu veröffentlichen?

Wir sind durchaus im Internet aktiv. So gibt es auf Youtube Videos mit Erklärungen zu unseren Produkten. Wer den Code auf den Verpackungen mit dem Smartphone scannt, kann sie sich ansehen. Wir haben zwar schon sechs Jahre lang in allen Bereichen straff digitalisiert, aber wenn man bei Null anfängt, dauert es eben seine Zeit.

Die Präsenz im Internet könnte helfen, Nachwuchs zu finden, der in Ihren Mitgliedsbetrieben fehlt.

In den Handwerksbetrieben wird die Personaldecke immer dünner. In vielen steht nur noch ein Mann. Sie bilden aus, aber es reicht nicht. Industrieunternehmen werben angesichts des Arbeitskräftemangels massiv ab. Wer mehrere Jahre in einen Auszubildenden investiert, will ihn später nicht verlieren, sonst lässt er es sein. Langfristig werden vor allem größere Betriebe bestehen bleiben, die Vielfalt der Produkte leidet. Nicht nur für Sammler, auch für unsere Handwerker und das Kulturgut "Sächsisches Weihnachtsland" ist das eine Katastrophe.

Wie sieht es beim Thema Plagiate aus?

Wir haben es vor allem mit Hybridprodukten von außerhalb zu tun. Der Schwibbogen wird im Erzgebirge hergestellt, die Bestückung kommt aus Asien. Das ist nach "Art des Erzgebirges", was nicht verboten ist. Kunden können dies kaum erkennen. Unsere Mitgliedsbetriebe können nicht so billig produzieren. Das verzerrt den Wettbewerb.

Also ist die Beratung in Geschäften für Sie besonders wichtig.

Ja, wir stehen vor dem Problem, dass durch das Internet der klassische Einzelhandel stirbt. In den vergangenen Jahren haben wir zum Beispiel in Berlin und Potsdam Läden von Geschäftskunden übernommen. Sie gingen in den Ruhestand. Es fanden sich keine Nachfolger.

Wie wirken sich die Entwicklungen auf die Genossenschaft aus?

Die Genossenschaft hat in den 100 Jahren alle gesellschaftlichen Veränderungen gemeistert. Ich bin mir sicher, dass das auch in den nächsten Jahrzehnten der Fall ist.

Ausstellungen sind im Spielzeugmuseum Seiffen ab Samstag und im Dregeno-Stammhaus, Hauptstraße 98, ab Sonntag zu sehen. In der Seiffener Kirche findet am Samstag, 19 Uhr eine Andacht zur Erinnerung an Pfarrer Hermann Gustav Härtel statt, der an der Gründung des Wirtschaftsverbandes beteiligt war, aus dem die Dregeno hervorging.


Mehr als 7000 Artikel

Die Dregeno ist eine Genossenschaft, die aus 124 Mitgliedsbetrieben besteht. Sie fungiert nicht als Hersteller, sondern nimmt sich viel mehr des Vertriebes und der Vermarktung der Produkte an. In ihrem Lager sind mehr als 7000 verschiedene Artikel vorrätig. Damit kann die Genossenschaft flexibel auf Bestellungen reagieren.

Rund 15 Prozent der Erzeugnisse gehen ins Ausland. Insbesondere in Ländern wie den USA und Japan gibt es zahlreiche Liebhaber. Das Ausland nimmt für die Dregeno als Absatzmarkt an Bedeutung zu. Bereits zu Zeiten der DDR gingen viele Erzeugnisse über die Grenzen. Die Dregeno brachte Divisen ein, also ausländische Zahlungsmittel. (geom)


Zur Person

Als geschäftsführende Vorstandsvorsitzende ist Juliane Kröner bei der Dregeno für 55 Mitarbeiter verantwortlich. Sie studierte Industriedesign, Systemdesign und Unternehmensführung. Juliane Kröner hat vier Kinder. Derzeit befindet sie sich in Elternzeit und packt nebenbei bei der Dregeno mit an.

Zwischenzeitlich war die 42-Jährige an der Uni Kassel als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Später bot sie in Seiffen für die Hersteller von Erzgebirgischer Holzkunst Produktentwicklungslehrgänge an, dabei wurden aus ersten Entwürfen marktfertige Produkte. So entstand der Kontakt zur Dregeno. Wenig später wurde Juliane Kröner der Posten als Geschäftsführerin angeboten. (geom)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...