Die Wut des Baumbeschützers

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Mike Löffler kämpft im Auftrag der Gemeinde Jahnsdorf um jeden Busch, jeden Baum - überzeugt ehrenamtlich viele Bürger, nicht die Axt im Garten anzusetzen. Der Bauhof hingegen holzte gleich eine ganze Fläche ab. Die Geschichte eines Paradoxon.

Jahnsdorf.

Jahnsdorf wirbt auf seiner Internetseite mit Natur pur. "Vier Orte im Grünen", so der Slogan im Logo der Gemeinde. Mike Löffler winkt ab. Natürlich sei sein Heimatort grün und darauf sei er auch stolz: "Aber gerade deshalb ist die jüngste Aktion so katastrophal. Ich bin wütend." Löffler ist einer von vier Männern der Baumschutzkommission im Ort. Vor wenigen Tagen habe die Gemeinde, namentlich der Bauhof, an der Wilhermsdorfer Straße laut Löffler eine ganze Hecke samt Bäumen entfernt. Löffler sagt lieber: niedergemäht. Tatsächlich: Nur noch die Wurzeln stecken in der Erde. "Noch vor zwei Wochen konnte ich etliche Vogelnester dort entdecken - teils von unter Naturschutz stehenden Arten: Rotkehlchen, Heckenbraunelle oder Sommergoldhähnchen. Der Kahlschlag hat allen den Lebensraum genommen."

Löffler ist eine Institution in Jahnsdorf. Erst kürzlich wurde er von der Gemeinde für sein ehrenamtliches Engagement als Baumschutzbeauftragter ausgezeichnet. Wenn er Zeit und keinen Dienst als Erzieher im Kinderheim Stollberg hat, dann sieht man ihn schon mal mit Handwagen und Spaten. Mehr als 60 Bäume sind im Ort schon auf seine Initiative hin gepflanzt worden, einige hat er selbst bezahlt.

Bürgermeister Albrecht Spindler bestätigt die von Löffler kritisierte Abholzaktion, hat sich vom Bauhof eine detaillierte Erklärung zuschicken lassen. Darin wird argumentiert, dass durch Verholzen und Absterben von Pflanzenteilen die Büsche ineinander verwachsen waren. "Wegen des starken Aufwuchses bis in vier Meter Höhe, der auch die Straßenbeleuchtung zum Teil behinderte, ist ein leichter pflegerischer Schnitt arbeitstechnisch nicht mehr möglich gewesen", so der Bauhof laut Spindler. Zudem wurden durch den Rückschnitt eine weitere Beschädigung des Zaunes zum benachbarten Grundstück unterbunden und der Müll, der sich unter der Hecke angesammelt habe, entfernt

Für Mike Löffler ist das alles nicht nachvollziehbar. Nur einen Steinwurf weiter an der Wilhermsdorfer Straße habe die Gemeinde im vergangenen Jahr ähnlich radikal Büsche und Bäume beseitigt. Es habe es lange Gespräche der Baumschutzkommission mit dem Rathaus gegeben. "Wir hatten danach gedacht, es hat ein grundlegendes Verständnis gegeben. Aber das war wohl ein Irrtum." Mike Löffler findet das paradoxe Verhalten des Bauhofs auch gefährlich: "Wir sollen ehrenamtlich die Bürger sensibilisieren, lieber Bäume auf ihren Grundstücken zu retten als sie zu fällen. Bei etwa 15 bis 20 Baumfällanträgen im Jahr konnte ich erreichen, dass die Hälfte wieder zurückgenommen worden ist. Und die Gemeinde? Die macht hinter unserem Rücken einfach das Gegenteil. Da zeigen mir doch die Leute künftig nur noch den Vogel, wenn ich sie überzeugen will."

Bürgermeister Albrecht Spindler argumentiert, dass die Gemeinde nicht einfach drauflos sägt. So gebe es beispielsweise eine Gärtnermeisterin im Bauhof und ein Mitarbeiter sei ebenfalls Mitglied der Baumschutzkommission. "Deren fachlicher Kompetenzen vertrauen wir", sagt der Bürgermeister.

Auf der im vergangenen Jahr bearbeiteten, von Mike Löffler angesprochene Fläche, sind die Pflanzen laut Spindler bis auf eine Höhe von etwa 1,50 Meter wieder gewachsen. "Auch die nun kritisierte Fläche wird wieder austreiben und neues Grün ausbilden." Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehe zudem 300 Meter sogenanntes Straßenbegleitgrün aus Bäumen und Hecken - auch als Rückzugsort für Tiere und Insekten.

Eine Beschwerde hat Löffler dennoch an die Gemeinde geschickt. Er kämpft darum, dass der Bauhof künftig solche radikalen Maßnahmen ohne Rücksprache unterlässt. Sein letzter Satz in dem Schreiben lautet: "Ich frage mich ernsthaft, warum ich mich engagiere und etwa 200 Stunden ehrenamtlich im Jahr für die Baumpflege und Neupflanzungen in der Gemeinde leiste."

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