Dieser Pilz kostete tausende Menschen das Leben

Wunder am Wegesrand Mutterkorn ist etwa auf Getreide zu finden. Das Gewächs ist sehr giftig und liefert zugleich den Ausgangsstoff für ein Psychedelikum.

Zschopau/Marienberg.

Sie sind klein und unscheinbar, aber gefährlich: schwarze Hörnchen, die sich an Ähren von Gräsern bilden können. Die bis zu vier Zentimeter große Schlauchpilz-Art namens Mutterkorn findet sich etwa an Pfeifengräsern, die in erzgebirgischen Mooren wachsen, sagt der Rübenauer Biologe Kay Meister.

Problematisch am Mutterkorn ist, dass es auch Getreidearten befällt und sehr giftig ist. Tatsächlich hat der Pilz im Mittelalter viele Menschen das Leben gekostet. Kay Meister stöberte dazu in historischen Quellen. Weil die Menschen nicht erkannten, dass der Pilz ihnen schadet, kam es im Mittelalter immer wieder zu Massenvergiftungen. "Ganze Dörfer waren betroffen, nachdem die Bewohner das gleiche Mehl verarbeitet hatten." Überliefert sind beispielsweise 11.000 Tote 1926 in Russland.

Erste Vergiftungserscheinungen äußerten sich in Kopfschmerz, Übelkeit und Erbrechen. Weiter kam es zu Durchblutungsstörungen. Finger und Haut starben ab. Schließlich wurde das Nervensystem angegriffen. Die Atemmuskulatur krampfte oder es kam zum Kreislaufkollaps. "Bis die ersten Menschen starben, vergingen Tage oder Wochen", berichtet der Biologe. Womöglich hat Mutterkorn auch die Niederlage von Napoleons Truppen während des Russlandfeldzuges im Winter 1812/13 beschleunigt. Damals starben 20.000 Kavalleristen samt Pferde, weil sie befallenen Roggen erbeutet und verzehrt hatten.

Auch heute noch tritt der Pilz im Getreide auf. "In jüngster Zeit sogar wieder häufiger, weil die Landwirte weniger spritzen und umweltschonender arbeiten", erklärt Kay Meister. Im Frühling befällt er die Pflanzen, wächst in die Ähre hinein und zerstört das Korn. Der ausgewachsene Pilz bildet Honigtau. Der lockt Insekten an, die die Sporen weitertragen. "So kann schnell ein ganzes Feld befallen werden." Weitere Sporen, die der Wind fortträgt, bilden sich am Boden, nachdem das Mutterkorn ausgefallen ist. Eine effektive Getreidereinigung verhindert heute, dass der Pilz in Lebensmittel gelangen kann. Ein gewisses Risiko sieht Meister allerdings, wenn Verbraucher die Qualitätskontrollen umgehen, weil sie ihr Getreide direkt beim Erzeuger kaufen, um etwa selbst ihr Müsli zu quetschen.

Schon im Mittelalter wurde der Mutterkornpilz auch in der Heilkunde genutzt. Die darin enthaltenden Alkaloide galten etwa als blutstillend nach der Geburt. "Allerdings starben damals auch viele Frauen, weil die Dosierung nicht stimmte", erklärt Meister.

Beim Versuch, die Wirkstoffe des Mutterkorns synthetisch herzustellen, war der Schweizer Chemiker Albert Hofmann 1938 auf ein Derivat der Lysergsäure gestoßen, die in Mutterkornalkaloiden natürlich vorkommt. Als er den Stoff fünf Jahre später noch einmal herstellte, nahm er versehentlich eine kleine Menge davon auf und sah bei geschlossenen Augen für etwa zwei Stunden intensive kaleidoskopartige, farbige Bilder. Damit galt er als Entdecker der halluzinogenen Wirkung von LSD.

Wegen seines Potenzials wurde das Halluzinogen zunächst in der Psychotherapie eingesetzt und war lange als Medikament erhältlich. In der Hippie-Ära der 1960er-Jahre wurde LSD zur Massendroge. 1971 einigten sich die Vereinten Nationen in der Konvention über psychotrope Substanzen auf ein Verbot von so gut wie allen damals bekannten psychotropen Substanzen, darunter auch LSD.

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