Eigene Welt unter Tage: Ein Bergmann und seine Sammlung

Bei Interesse klingeln: Das steht auf einem Schild vor Sylvio Beyers Haus. In seiner Garage hat der Kohlauer Fundstücke zusammengetragen, vom Hunt bis zum Grubentelefon. Einen alten Kumpel hat das zu Tränen gerührt.

Kohlau.

Ein Bergmann fährt in den Berg ein, auch wenn er läuft. Das ist Lektion eins. Sylvio Beyers Garage befindet sich nicht unter Tage, geöffnet erinnert das Garagentor dennoch an ein Mundloch, den Zugang zum Stolln. An der Tür empfängt Beyer in der Paradeuniform der Bergbrüderschaft. Er führt in den hinteren Teil des Gebäudes: An den Wänden und an der Decke hat Beyer seine Fundstücke arrangiert. Dort hängt und steht, was der Bergmann unter Tage eben brauchte. Eine Grubenbahn steht an der Wand, ein Anhänger - Hunt genannt - ist bis zum Rand gefüllt mit Mineralien. Grubentelefone, Werkzeuge, Uniformen, Helme, Beile - alles hat Beyer zusammengetragen. Er schmunzelt. "Das heißt nicht Beil, das heißt Kaukamm. Wer Beil sagt, kriegt eins auf die Rübe."

Die Stücke stammen aus mehreren Jahrzehnten. So lässt sich in Beyers Privatmuseum nachvollziehen, wie sich die Welt unter Tage wandelte. Karbidlampen baumeln aufgereiht an einem Holzbalken. Beyer erklärt: Die Lampe besteht aus zwei Kammern. Aus der oberen tropft Wasser auf das Kalziumkarbid in der unteren. Gas entsteht, wird verbrannt. Bis in die 1960er-Jahre hinein waren die Karbidlampen die einzige Lichtquelle unter Tage. Ihre elektrischen Nachfahrinnen hängen am Balken gegenüber.

Seine Schätze hat Beyer im Internet gefunden, auf Flohmärkten - und im Berg. Dort kennt er sich aus. 1980 begann er seine Ausbildung zum Bergmann im Zinnbergwerk Ehrenfriedersdorf. Bis zur Wende hat er dort gearbeitet, im Sauberg. "1991 haben sie uns alle rausgehauen." Er arbeitete ein paar Jahre in einer Firma, die Erdwärmebohrungen vornimmt. Über Tage. Der Berg lässt ihn nicht los, er beginnt zu sammeln. Einmal Bergmann, immer Bergmann.

Zuerst lagert er die Sachen im Haus, bis zwei Zimmer voll sind. Da halbiert er die Garage, zieht eine Wand ein, verkleidet den Eingang mit Holz. Wie in einem Stollen, nur lagern nicht Tausende Tonnen Erde über den Köpfen.

Der Bergbau hat die Region gezeichnet. Die Folgen beseitigen Oberbergamt und Wismut bis heute. Gänge, Schächte, Stollen durchziehen die Gegend. Wo genau, weiß niemand. Einen besonderen Schlag Menschen hat der Bergbau hervorgebracht. Oder waren es besondere Menschen, die es unter Tage zog? "Ich bin Bergmann - wer ist mehr?", fragten die Wismut-Kumpel. Bis zu zwei Kilometer fuhren sie in den Berg. Im Zinnbergwerk waren es 350 Meter. "Das ist nichts", meint Beyer. Fünf Kumpel sind in seiner Zeit dort ums Leben gekommen. Sie haben sich überschätzt, waren unvorsichtig, sagt Beyer. Seine Aufgabe unter Tage: schießen, bergmännisch für sprengen. Lektion zwei: eigene Sprache, besondere Rechte. Drei Flaschen Kartoffelschnaps gab es für die Kumpel im Monat, für 1,12 Mark pro Stück. Bergarbeiter-Trinkbranntwein hieß er offiziell - bekannt war er als Schachtfusel.

Im Sommer macht Beyer mit einem Schild auf sein Museum aufmerksam, das er an den Grubenwagen vor seinem Haus hängt "Private Bergbausammlung. Bei Interesse klingeln." Tatsächlich klingeln vor allem ehemalige Bergleute. Ergriffen seien die beim Anblick der alten Sachen. Besonders einer.

Im Sommer 2015 war Beyer mit seiner Hündin spazieren, als ein Auto aus Jena neben ihm hielt. "Das waren Sohn und Schwiegertochter mit ihrem Vater. Der hatte 85. Geburtstag." Der alte Mann hatte früher im Schacht 23 gearbeitet und wollte sehen, ob vom Förderturm noch etwas übrig war. Beyer musste ihn enttäuschen: Der Turm war schon in den 1950er-Jahren abgerissen worden, kurz nachdem die Wismut die Gegend verlassen hatte. Aber Beyer nahm den alten Bergmann mit in sein Museum. Das erste, was er dort sah, war die Uniform eines Radiometristen. Diese Spezialisten maßen den Urangehalt. "Den hat's komplett rausgenommen. Der war auch Radiometrist und hatte die gleiche Uniform getragen." Jedes Jahr will er nun mit den Enkeln kommen. Sie sollen die Region sehen, und das Museum. Und Beyer baut mit seinem Schwager, inspiriert durch den denkwürdigen Besuch, neben der Garage den Förderturm von Kohlau nach.

Beyers Sohn hat mit 30 Jahren umgelernt: Bergmann - in der Berufsschule, in der Beyer selbst einst saß. Nun arbeiten Vater und Sohn bei der Bergsicherung. Und ist seine Frau auch fasziniert von der Welt unter Tage? "Nein!", ruft sie entschlossen. Beyer lacht. "Seine Macken muss man pflegen." Und das ist Lektion drei.

Privatmuseum: Ihre Vorschläge sind gefragt. Wo gibt es im Erzgebirge private Sammlungen, die einen größeren Bekanntheitsgrad verdient hätten? Schreiben Sie an:

red.zschopau@freiepresse.de

 

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...