Ein großes Jubiläum zum Abschied

Nur noch wenige Wochen liegen vor Rolf Otto, ehe er in den Ruhestand geht. Statt seine Zeit als Leiter des Zschopauer Gym- nasiums ruhig ausklingen zu lassen, muss er mit seinen Kollegen einen 150. "Geburtstag" organisieren.

Zschopau.

Nicht immer herrscht am Zschopauer Gymnasium heile Welt. So waren beispielsweise die 60 Teilnehmer der Klassenstufe 7 beim Skilager in den bayerischen Alpen zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten, weil Schneemassen die Straßen unpassierbar machten. Auch Mobiltelefone sind nicht immer dort, wo sie sein sollen. "Wir Schüler haben für uns eigentlich festgelegt, dass wir ohne sie auskommen. Trotzdem hängen in den Pausen immer einige am Handy", berichtet Melia Haase. Doch so wie die Schüler aus Bayern wieder den sicheren Weg in die Heimat gefunden haben, so genießt auch Melia Haase den Alltag an ihrer Schule.

Die Siebtklässlerin aus Venusberg ist sogar ein gutes Beispiel dafür, wie abwechslungsreich der Alltag am Zschopauer Gymnasium sein kann. Schließlich profitiert Melia von ihrer Begabtenförderung in Mathematik. Gibt es in den Klassenstufen 5 und 6 im Rahmen des Ganztagsangebots eine AG, so werden Talente ab der siebenten Klasse meist individuell gefördert. "Außerdem führen wir in Vorbereitung der Mathematik-Olympiade seit 2007 jedes Jahr ein Knobellager in einer Jugendherberge durch", erklärt Mathe-Lehrerin Michaela Schuch. Zusammen mit Ellen Kühn und Frank Reuter kitzelt sie das Potenzial aus den Schülern heraus, wie der Sieg bei der Mathematik-Olympiade beweist. Neben Melia Haase hatten an diesem Erfolg auch Josi Klingbeil und Anna Alicia Kreißig ihren Anteil, denn die Trophäe gab es für den Sieg in der Teamwertung.


Für Rolf Otto könnte der Pokal ein schönes Abschiedsgeschenk darstellen, denn der Leiter des Zschopauer Gymnasiums geht Ende dieses Schuljahres in den Ruhestand. Gerade als Mathematik-Lehrer freut er sich natürlich über das Abschneiden seiner Schüler, doch für ihn ist dieser Wettbewerb nur eines von vielen Puzzleteilen. "Unser Gymnasium ist breit aufgestellt", betont Otto. Auch in den anderen Unterrichtsbereichen würden interessierte Schüler gefördert. Dafür sei großes Engagement seitens der Lehrer und der Schüler vorhanden, sodass auch außerhalb des Unterrichts viel getan wird. Über die guten Ergebnisse in den Sport-Wettbewerben freut sich der Schulleiter ebenso wie über Preisträger in Sprach-Wettbewerben, die Rezitatoren, den Schüler-Austausch mit Frankreich oder die Auftritte der beiden Theatergruppen sowie der zwei Chöre. "So wird unser kulturelles Leben in der Öffentlichkeit präsentiert", sagt Otto, der in der Freizeit Blasinstrumente spielt: "Meine Passion ist die Musik."

Statt sich als Fast-Rentner jetzt schon auf sein Hobby zu konzentrieren, ist Rolf Otto mehr denn je an seinem Arbeitsplatz gefordert. Schließlich steht ein großes Jubiläum vor der Tür. Es gilt, die 150-jährige Bildungstradition am Standort des Gymnasiums zu feiern. Am 9. April 1869 wurde das Königlich-Sächsische Lehrerseminar eröffnet. Den 1406 Lehrern, die dort bis 1928 ausgebildet wurden, folgten unzählige Abiturienten. An der Deutschen Oberschule sowie später an der Erweiterten Oberschule feilten viele Schüler hier an der Basis für ihre berufliche Entwicklung. Allein von 1946 bis 1990 legten 2359 Schüler ihr Abitur ab. Seit 1992 passiert das am Gymnasium. Zwar ist die Schülerzahl von anfangs etwa 1000 auf aktuell 543 gesunken, doch ist die Vielfalt im Schulalltag weiter enorm. Dies soll bei den Festlichkeiten deutlich werden, die mit einer Aufführung der Theatergruppe begonnen haben. Am Samstag folgt von 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr der Tag der offenen Tür, ehe es am 17. April mit dem Lyrik-Abend und im Juni mit drei Konzerten weitergeht.


"Klassentreffen machen mich glücklich"

Ronald Scherzer hat den Schulalltag in Zschopau als Schüler und als Lehrer erlebt. Andreas Bauer hat mit dem 83-Jährigen gesprochen.

Freie Presse: In die Schule, in der Sie bis 1998 Geschichte und Geografie unterrichteten, sind Sie schon als Kind gegangen. Wie war es damals?

Ronald Scherzer: Mein Abitur habe ich 1953 gemacht. Damals waren wir alle gleich. Es gab keine Fernseher und Modetrends. Wir waren froh, wenn wir überhaupt etwas anhatten. Was für uns zählte, war vor allem der Fußball. Außerdem hatten wir ein sehr inniges Verhältnis zu unserem Lehrer. Bei einer Fahrradtour nach Leipzig, Halle und Erfurt hat er uns sogar das Du angeboten.

Sind Sie später mit Ihren Schülern genauso umgegangen?

Das lässt sich mit heute nicht vergleichen, es war eine verrückte Zeit. Es gab zwar durchaus Pflichten. Zum Beispiel mussten wir nach dem Tod Stalins alle an einem Bild von ihm vor dem Lehrerzimmer vorbei marschieren. Aber irgendwie ging es damals auch sehr familiär zu. Schüler aus Orten wie Oberwiesenthal oder Flöha kamen in unserem Internat zusammen. Und unser Lehrer war gerade mal sechs Jahre älter als wir.

War die schöne Atmosphäre Grund für Sie, Lehrer zu werden?

Eigentlich wollte ich Bergbau studieren. Aber als ich dann Jungaktivist bei einer Schnellvortrieb-Brigade in Halsbrücke war und auf die Planökonomie-Schule in Berlin sollte, habe ich es mir anders überlegt. Es wurden ja schon damals Lehrer gesucht.

Der richtige Schritt?

Über Zeilfeld in Thüringen bin ich wieder nach Zschopau gekommen. Am Gymnasium war ich ab 1992 Fachgruppenleiter und doppelter Tutor. Es war schade, dass es keine Elternbesuche mehr gab, aber das Verhältnis zu den Schülern war immer gut. Es ist schön, auch heute noch fast täglich ehemalige Schüler zu treffen. Wenn ich zu Klassentreffen eingeladen werde, macht mich das glücklich.

Haben Sie selbst noch Klassentreffen mit ehemaligen Kollegen?

Na klar, am 4. September ist es wieder soweit. Von 17 Schülern beim Abitur sind noch 8 übrig geblieben. Bei mir ist es so, dass mich mein Kleingarten jung hält.


Vom Lehrerseminar über die Oberschule zum Gymnasium

1867: Im ehemaligen Garten des Apothekers Kindermann beginnt der Bau des Königlich-Sächsischen Lehrerseminars, für das Zschopau den Zuschlag erhalten hat.

1869: Mit 4 Lehrkräften und 66 Seminaristen wird nach der Eröffnung am 9. April der Lehrbetrieb aufgenommen. Auch eine Turnhalle und ein botanischer Garten werden gebaut.

1885: Das untere Lehrgebäude wird eingeweiht, in dem fortan die Übungsschule untergebracht ist.

1904: Das Seminar wird um das obere Lehrgebäude erweitert. Insgesamt lernen im Objekt 200 Seminaristen, 165 davon leben im Internat.

1918: Während der spätere sächsische Kultusminister Richard Seyfert Direktor ist, kommt es zur Umbenennung in "Sächsisches Lehrerseminar". 1922: Mit 160 Schülern, verteilt auf 9 Klassenstufen, beginnt die Ausbildung an der Deutschen Oberschule. Parallel dazu existiert das Lehrerseminar, an dem bis 1928 insgesamt 1406 Lehrer ausgebildet werden.

1945: Nachdem 138 Schüler und Absolventen im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, beginnt am 1. Oktober wieder der Unterricht.

1959: Die Oberschule, in der von 1955 bis 1974 zusätzlich eine Hilfsschule untergebracht ist, wird in Erweiterte Oberschule (EOS) umbenannt.

1969: Die EOS wird nach Clara Zetkin benannt. Zudem erhält die 1964 eingerichtete Polytechnische Oberschule den Namen der Geschwister Scholl.

1992: Die EOS heißt ab 1. August Gymnasium Zschopau. Dagegen wird die POS geschlossen. (anr)

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