Eine Einsiedelei mit Mini-Bücherei

Der an den Schlosspark Lichtenwalde angrenzende Landschaftspark wartet nicht nur mit Fischergässchen, Teufelsschlucht und einer neuen Aussicht auf. Dort lädt auch eine geheimnisvolle Kapelle zum Verweilen ein.

Lichtenwalde.

Das Gros der Ausflügler, das in diesen Tagen und Wochen wieder in Scharen nach Lichtenwalde strömt, kennt zumindest einige der Wanderwege, die vom Schloss und seinem Park in Richtung Niederwiesa, Braunsdorf und Frankenberg führen. Obwohl der Übergang vom Schlosspark in den sich anschließenden Wald seit der Gebührenpflicht im Park für Wanderer nicht mehr ganz so nahtlos wie früher funktioniert, streifen täglich viele Naturliebhaber durch das geschichtsträchtige Terrain.

Der Landschaftspark am drei Kilometer langen Zschopauufer Richtung Niederwiesa wurde zwischen 1794 und 1803 durch Friedrich II. Graf Vitzthum von Eckstädt umgestaltet. Er war der letzte Majoratsherr auf Schloss Lichtenwalde und ließ damals auch Höhenwege anlegen sowie Geländer und Schutzhütten errichten. Das ist unterwegs an mehreren Stellen nachzulesen. Viele, auch jüngst erneuerte Wanderschilder weisen heute den Weg durch den von prächtigen Buchen geprägten Waldpark. Der wartet unter anderem mit einer abenteuerlichen Teufelsschlucht, einer Parkschlucht und einer neuen Aussicht auf, weil viele alte Aussichtspunkte längst zugewachsen sind.

Alles ist gut ausgeschildert, bis auf eine kleine Attraktion, die die Erbauer, die sich "Ritter Harras' Gefolge" nennen, bewusst nicht an die große Glocke hängen. An einer Weggabelung nahe der sogenannten Harraskuppe, deren Höhe vor Ort mit 316 Metern über NN angegeben wird, weist ein historisches Bild darauf hin, dass in 150 Metern Entfernung einst eine Einsiedelei gestanden hat. Sie befand sich auf einem Felssporn hoch über der Hofwiese und war eher eine kleine Waldkapelle. Die Einweihung soll am 28. Mai 1801 stattgefunden haben. Glockentürmchen, zwei Kreuze und eine Fahne krönten das Objekt aus Holz, in dem es Tisch, Stühle und sogar ein Sofa für müde Gäste gegeben haben soll. Im Tischkasten habe ein Fremdenbuch gelegen, in das sich die Gäste des Schlossherren bei einem Rundgang durch dessen Anwesen mit sinnigen Sprüchen verewigen konnten. Sogar eine kleine Küche existierte ganz in der Nähe. So jedenfalls wird 1841 in dem Buch "Lichtenwalde" von einem Herrn Barth berichtet. Die Waldkapelle wird noch bis 1878 erwähnt, verfiel aber dann um 1900.

Dass dort schon seit Ende 2016 ein Nachfolgebau steht, wird nahe der Harraskuppe erwähnt. Da es aber keinen eindeutigen Wegweiser dorthin gibt, ist die Einsiedelei gar nicht so leicht zu finden und bis heute eher ein Insidertipp. Vor allem mit Kindern lohnt es sich, auf diese Entdeckungstour zu gehen - unter dem Motto: Wer sieht zuerst die kleine, im Wald versteckte Kapelle? Noch größer ist die Überraschung, nachdem man über mehrere Stufen bergab das Ziel erreicht hat. Während in diesem Frühjahr Tür und Fensterläden komplett verriegelt blieben, ist die Hütte nun wieder offen.

Ein fest installiertes Gästebuch, in das sich jeder eintragen kann, verrät, wie viele Wanderer dort in diesem Jahr bereits Rast gemacht haben und wie dankbar sie den Erbauern für dieses Kleinod sind. Kinder können sich in einer Stiftebox bedienen, und auch Papier zum Be- und Ausmalen liegt bereit. Neuerdings gibt es in dem winzigen Raum sogar eine kleine Bibliothek, die einem vielleicht die Zeit vertreiben soll, wenn man von einem Gewitter oder Regenguss überrascht wird. Oder wenn man sich wirklich mal - wie früher die Eremiten - zumindest für ein paar Stunden in die Stille zurückziehen will.

Ein Muss ist die Kapelle zum Beispiel längst für Julian aus Rosenheim in Bayern, wenn er seine Oma in Chemnitz besucht. Dreimal hat er sich schon in immer ein neues Gästebuch eingetragen. Das erste Mal, als er noch gar nicht schreiben konnte. Inzwischen muss die Chemnitzer Verwandtschaft sogar Proviant einpacken, weil eine Rast an diesem Ort zum festen Programm gehört. Denn vor der Hütte lädt eine kleine, rustikale Sitzgruppe zum Verweilen und Genießen ein.

Eine in Kniehöhe angebrachte Absperrung weist auf die Reste der alten Fundamente der Kapelle hin, die nicht betreten werden sollen. Es ist wirklich ein Ort der Einkehr - auch im übertragenen Sinn: Kein Lärm, kein Müll, nur das Gezwitscher der Vögel und das Rauschen der Bäume umgeben einen dort. Seit Mai gehört die Kapelle zum vom Landkreis Mittelsachsen neu ausgewiesenen beziehungsweise erweiterten Naturschutzgebiet, erklärt Jens Bossard, Ortsvorsteher von Lichtenwalde und Gemeinderat in Niederwiesa. Deshalb dürften auch keine Veränderungen vorgenommen und zusätzliche Schilder und Wegweiser aufgestellt werden. "Vorhandenes hat aber Bestandsschutz", so der Ortsvorsteher.

Trotzdem lasse sich Wanderwegewart Rolf Bönicke immer etwas Neues einfallen, so eben die Mini-Bücherei in diesem Jahr. Er sei es auch, der sich neben anderen hinter "Ritter Harras' Gefolge" verberge und der regelmäßig nach dem Rechten schaue.

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