Eine Walnuss für Aschenbrödel vom Liebhaber der Miniaturen

Der Borstendorfer Jürgen Schönherr liebt die Miniatur. Die braucht in seinen Augen auch die räumliche Tiefe.

Borstendorf.

Jürgen Schönherr ist seit 65 Jahren leidenschaftlicher Schnitzer. Zahlreiche Figuren hat er im Laufe der Zeit gefertigt, sein Markenzeichen sind allerdings Miniaturen. Davon zeugen die Werke in seinem Haus.

Ganz besonders fällt der Blick auf eine Vitrine im Wohnzimmer. Dort hat der 79-Jährige Walnussschalen ausgestellt, in denen er Märchen der Brüder Grimm verewigt hat. Manche Walnussschalen stehen einzeln, andere sind mit einem Scharnier in der Mitte befestigt, um sie zu öffnen oder zu schließen. Mit winzig kleinen Holzfiguren hat er den Nussschalen Leben eingehaucht und mit vielen Details der Märchenwelt ausgeschmückt.

"Zuerst werden die Wände, Fußböden, Deckenbalken, Türen oder Fensterrahmen mit Furnierholz gefertigt und eingeklebt", sagt Jürgen Schönherr. So erhalten die Szenen eine räumliche Tiefe und wirken noch authentischer. Danach setzt er seine geschnitzten Miniatur-Märchenfiguren hinein und spart dabei nicht an Feinheiten. Ob es Bierkrüge auf den Tischen sind, winzige Kochlöffel in Töpfen auf dem Herd oder der Schuh von Aschenbrödel, der auf der Treppe vor dem Schloss liegen geblieben ist. Der Borstendorfer hat an jede Kleinigkeit gedacht und sie ins rechte Licht gerückt. Das Aschenbrödel gehört zwar nicht zu den Grimmschen Märchen, steht aber trotzdem gemeinsam mit der Weihnachtsgeschichte in der Vitrine des Schnitzers.

"Ich habe mir früher hin und wieder das Märchenbuch meiner Tochter ausgeliehen und mir daraus Figuren ausgesucht, die ich anschließend schnitzte", sagt der Rentner. Entstanden sind 17 Märchen-Nussschalen. Da ist beispielsweise das Dornröschen, das am Spinnrad sitzt. In der nächsten Schale schüttet Frau Holle ihre Betten aus, eins weiter steht eine Prinzessin am Brunnen und hält die goldene Kugel, die sie von dem vor ihr sitzenden Frosch erhielt. Ein Jäger steht mit dem Gewehr in der rechten Hälfte, während sich links das Rotkäppchen mit dem bösen Wolf unterhält. "Als Nussschalen kommen nur die kalifornischen Nüsse in Frage", sagt der Schnitzer. Diese hätten eine schöne Herzform, in die er seine Märchen besser unterbringen könnte.

Gelernt hat der Borstendorfer dieses Handwerk vor sechseinhalb Jahrzehnten in der Kinderschnitzgruppe in Borstendorf. "Horst Schreiter, der die Gruppe 1954 gründete, zeigte uns die richtige Fertigungstechnik", sagt er. Heute sind nur noch zwei Männer aus dieser ehemaligen Kinderschnitzgruppe aktiv, die es schon viele Jahre nicht mehr gibt. Ein kleiner Berg war das erste Stück aus den Händen des damals 14-jährigen Jürgen Schönherr. Seither hat er in der Winterzeit immer geschnitzt und geht auch nach wie vor zu den wöchentlichen Treffen des Schnitzvereins Borstendorf.

Neben den Märchenwelten in Nussschalen gestaltete er unter anderem auch Bergwerke in Drusen-Steinen, Tischpyramiden, Bergmänner und Engel. Zurzeit arbeitet Jürgen Schönherr an einer Tischpyramide. Dabei handelt es sich um eine besonders kniffelige Arbeit, bei der die einzelnen Komponenten erst durch einen schmalen Flaschenhals eingefügt und dann im Inneren der Flasche zusammengeklebt werden müssen. Ganz schön kniffelig - aber das mag der Miniaturschnitzer ja.

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