Eisern, ehrlich, hilfsbereit und immer unfallfrei

1923, 1942 und 1950. Diese Jahreszahlen hat Hellmut Reuter in seinem Lebenslauf dick angekreuzt. Der Gelenauer blickt zurück.

Warmbad.

Seine ersten Fahrversuche hat Hellmut Reuter, der heute 95 Jahre alt wird, auf einem Fahrschul-Lkw der Wehrmacht unternommen. Ende 2017 saß er zum letzten Mal hinterm Lenkrad seines Opel Corsa. Dazwischen liegen 75 Jahre. "Und zwar 75 unfallfreie Jahre", betont Hellmut Reuter. "Viele haben zu mir gesagt, lass das Auto lieber stehen", berichtet der Gelenauer. Zwar sei er zuletzt keine weiten Strecken gefahren, leichtgefallen sei ihm der Verzicht trotzdem nicht. Anfang des Jahres, als er mit seiner Frau Gertraude ins Pflegeheim nach Warmbad gezogen ist, habe er sich schweren Herzens von dem Opel getrennt.

"Ich war in meinem Leben immer viel unterwegs", sagt Hellmut Reuter. Als ihn seine Mutter in der Kinderkutsche durch Gelenau geschoben hat, hätten die Leute zu ihr gesagt, diese halbe Portion bekäme sie nie groß. "Ich war klein und schmächtig. Trotzdem bin ich 1,72 Meter groß und über 90 Jahre alt geworden", meint Reuter schmunzelnd. Er stamme aus einer Arbeiterfamilie, der Vater war Strumpfwirker, die Mutter Näherin. Seine Eltern hätten viel Wert auf eine gute Erziehung gelegt. "Ehrlichkeit, Aufmerksamkeit, Aufrichtigkeit und Hilfsbereitschaft", zählt Reuter auf. An diese Tugenden halte er sich noch heute. "Und ich bin gut damit gefahren."

Umso größer sei der Schock gewesen, als er 1941, gerade 18-jährig, zur Marineartillerie nach Stralsund einberufen wurde. "In der Truppe herrschten raue Sitten." Nach Einsätzen in Norwegen und Schweden geriet der Erzgebirger kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges im südböhmischen Budweis in Kriegsgefangenschaft. Nach acht Wochen Arbeitslager auf der Krim kehrte Reuter am 4. November 1945 zurück in sein Heimatdorf. "Ich hatte großes Glück." Das konnte der junge Mann im Jahr darauf erneut von sich behaupten. "1946 habe ich beim Tanz in Auerbach meine Traudel kennengelernt. Ich war nicht ihr einziger Verehrer", erinnert sich Reuter. Am 20. Mai 1950 heiratete der Gelenauer sein Herzblatt aus dem Nachbardorf. Der Bund der Ehe hält nun schon über 68 Jahre. "Seit 2015 sind wir ein Eisernes Paar."

Seine Brötchen verdiente der junge Familienvater als Außenverkäufer von Textilwaren. Angestellt bei der Großhandelsgesellschaft (GHG) Textilwaren in Karl-Marx-Stadt belieferte Reuter zunächst mit einem Framo und später mit einem Barkas HO- und Konsum-Verkaufsstellen in der ganzen DDR mit Bettwäsche, Socken und anderen Strumpfwaren. "Meist schwer absetzbare Ware. Die guten Sachen sind ja alle in den Export gegangen." Während er oft weg gewesen sei, habe sich seine Frau, die erst als Näherin und dann als Köchin gearbeitet hat, um die drei Kinder gekümmert. "Das hat sie sehr gut gemacht." Später tauschte der Gelenauer den B 1000 gegen einen Lada. Aus dem Außenverkäufer für Textilwaren war der Cheffahrer eines Betriebsleiters geworden.

Als Reuter 1989 mit 65 Jahren in Rente ging, kaufte sich der Berufskraftfahrer seinen ersten eigenen Wagen. "Bis dahin konnte ich ja immer das Dienstauto nutzen." Weniger hinterm Lenkrad saß der Rentner aber nicht. Beim Besuchen der Kinder, die es nach der Wende in den Westen verschlagen hat, habe er etliche Kilometer abgespult.

An die vielen Jahre hinterm Steuer denke er noch manchmal mit Wehmut zurück. "Ich war auch immer der Motor der Familie", sagt Hellmut Reuter, der sich mit seiner 92-jährigen Frau in Warmbad richtig wohlfühlt. Heute gibt es erst recht keinen Grund Trübsal zu blasen. Denn Kinder, Enkel und Urenkel sowie Freunde und Bekannte gratulieren dem "Kavalier in allen Lebenslagen" zum 95. Geburtstag.

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