"Es beginnt ein neues Leben"

Roland Fritzsch vom Verein "Kommt ..." Suchtkrankenhilfe Crottendorf im Interview über 20 Jahre Einsatz für Betroffene und Angehörige

Crottendorf.

In sieben Orten organisiert der Verein "Kommt ..." Suchtkrankenhilfe Crottendorf unter dem Dach der evangelisch-methodistischen Kirche die Arbeit von Selbsthilfegruppen. Das wichtigste Ziel ist seit seiner Gründung vor 20 Jahren unverändert: Hilfe für Betroffene und deren Angehörige auf dem Weg zu einer zufriedenen Abstinenz und beim Leben damit. Dass das nicht immer erreicht werden kann, gehört für den Vorsitzenden Roland Fritzsch und die anderen Mitstreiter dazu. Warum er trotzdem weitermacht und wie, darüber hat Annett Honscha mit dem Crottendorfer gesprochen.

"Freie Presse": Sie setzen in den Selbsthilfegruppen Ihres Vereins vor allem auf Gemeinschaft und Gespräche. Doch Suchterkrankungen führen ja nicht selten dazu, dass soziale Kontakte eher gemieden werden. Wie gelingt es Ihnen dennoch, den Zugang zu Betroffenen zu finden und das Eis zu brechen?

Roland Fritzsch: Der erste Kontakt kommt meist durch Anfragen von Angehörigen wie Ehepartnern oder Kindern sowie von Freunden, Kollegen oder Arbeitgebern zustande. Ist Letzteres der Fall, wollen diese ihren Mitarbeiter oder ihre Mitarbeiterin gern halten. Wir erleben es nicht selten, dass diese darum kämpfen und den Betroffenen eine Chance geben wollen. Allerdings kann der Verlust des Arbeitsplatzes durchaus die Folge von Sucht sein. Daran sieht man, wie schwerwiegend die Konsequenzen dieser Erkrankung sind. Kommt jemand zu uns und sucht Hilfe, ist das schon mehr als der erste Schritt. Denn das bedeutet, dass sich der Betroffene mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Und es erfordert viel Mut. Daher wird hier jeder herzlich aufgenommen. Um in Kontakt zu kommen, sind wir auch regelmäßig mit Vorstellungsrunden in den Krankenhäusern in Annaberg und Zschopau sowie im Magdalenenstift Chemnitz. Dort, wo die Patienten zunächst zu einer Entgiftung in Behandlung sind.

Mit welchen legalen und illegalen Drogen haben Sie es bei Ihrer Arbeit vor allem zu tun? Hat sich das in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert?

Zu uns kommen Menschen, die von ganz unterschiedlichen Suchtmitteln abhängig sind. Aber Droge Nummer 1 in Deutschland ist nach wie vor der Alkohol. Das spüren auch wir. Doch es kommen genauso Betroffene, die von illegalen Drogen wie Crystal oder Marihuana abhängig sind. Ebenfalls Menschen, die unter Spielsucht leiden. Diese können wir innerhalb unseres Netzwerkes an geeignete Stellen weitervermitteln.

Sie bezeichnen Menschen, die es schaffen, abstinent zu leben, als Gerettete. Was sagt dieser Begriff für Sie aus?

Die Sucht hat einen fest im Griff - und das oft über Jahre. Das sind Fesseln, von denen man befreit werden will. Wenn ich es schaffe, zufrieden abstinent zu leben, bin ich frei und gerettet. Dabei zählt jeder Tag. Es beginnt ein neues Leben, das ist ein Glücksgefühl. Vieles aus dem normalen Alltag kann sich wieder einstellen - Arbeit, Partnerschaft, Kontakte. Aber es gibt auch eine Schwierigkeit: Ich kann Probleme nicht mehr durch den Rausch überdecken. Ich sehe Dinge klarer. Das kann manchmal schmerzhaft sein. Doch ich bin in der Lage, anders zu reagieren und damit umzugehen.

Sie begleiten Menschen, die unter Suchterkrankungen leiden, oft über Jahre und erleben Rückschläge mit. Auch dass Betroffene an den Folgen der Sucht sterben und Sie an ihrem Grab stehen, gehört dazu. Was ist Ihr Antrieb, trotzdem weiterzumachen?

Es gibt ganz unterschiedliche Wege, wie Menschen aus der Sucht finden. Ich kenne solche, die es geschafft haben, selbst aufzuhören. Anderen gelingt das nach einer Entgiftung in einer Klinik und einer anschließenden Langzeittherapie. In anderen Fällen reicht das nicht aus, diese Menschen brauchen aufgrund von Rückfällen mehrere Anläufe. Manche kämpfen mit ganzem Herzen gegen die Sucht, schaffen es aber nicht, dauerhaft davon loszukommen. Aber auch dann - gerade dann - stehen unsere Türen offen und die Betroffenen wissen, dass sie hier Halt und Hilfe finden. Es ist uns sehr wichtig, sie zu begleiten. Dafür treffen wir uns auch zu Einzelgesprächen außerhalb der Gruppe - egal, ob in einer Wohnung oder auf einer Parkbank. Das Wichtigste in der Suchtarbeit ist Vertrauen. Das muss man sich erarbeiten und trotzdem eine gewisse Distanz wahren. Und es gehört leider dazu, dass wir Menschen an die Sucht verlieren. Es gibt auch ein zu spät. Deshalb ist es so wichtig, vorher die Chance aufzuzeigen, dass es anders geht.

Der Weg in einen Alltag ohne Sucht ist für Betroffene oft ein langer Kampf, zu dem Rückschläge gehören. Nicht jeder schafft es. Wieso lohnt es sich aus Ihrer eigenen Erfahrung, das auf sich zu nehmen?

Es lohnt sich, weil ich spüren kann, dass es ein anderes Leben als das in der Sucht gibt. Ein schöneres Leben, über das ich wieder selbst bestimme. Ich werde wieder akzeptiert und lerne, neue Tagesstrukturen zu schaffen. Der Sinn und der Inhalt dieses Lebens sind ganz andere als in der Sucht.

Was kann Ihr Verein für Angehörige tun, die oft erheblich unter den Folgen der Suchterkrankung ihres Partners, Kindes oder eines Elternteils leiden?

Wir bieten an, sich über Zusammenhänge zu informieren - etwa über Suchtverläufe und andere Dinge, die zu einem besseren Verständnis und einem anderen Handeln beitragen. Angehörige können in unseren Gruppen außerdem Gesprächspartner für einen Austausch finden - Menschen in ganz ähnlichen Lebenslagen. Das kann sehr hilfreich sein.


Verein ist mit Selbsthilfegruppen in sieben Orten vertreten - Rat nicht nur für Betroffene

Selbsthilfegruppen des Vereins "Kommt ..." Suchtkrankenhilfe Crottendorf gibt es jeweils unter dem Dach der evangelisch-methodistischen Kirche in Crottendorf, Annaberg-Buchholz, Cranzahl, Ehrenfriedersdorf, Königswalde, Mildenau und Dittersdorf.

Beraten werden suchtkranke Menschen sowie deren Angehörige, aber auch Arbeitgeber und andere Interessenten. Betroffene werden vor und nach Entgiftungen beziehungsweise Therapien betreut. Auch bei der Arbeitssuche, bei Behördengängen und anderen Dingen wird Unterstützung angeboten. Der Verein ist zudem im Bereich Prävention aktiv.

Zwar wird das Angebot unter dem Dach der evangelisch-methodistischen Kirche aufrecht erhalten. Aber der Glaube werde niemandem aufgedrängt. Zudem gebe es keine Vorstellungsrunden bei den Treffen, in denen zwingend etwas gesagt werden muss. "Wer will, kann auch nur zuhören", sagt Roland Fritzsch, der von Beginn an Vereinsvorsitzender ist.

Email: roland.fritzsch@kommt-skh.de

www.kommt-skh.de

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