Familienleben mit hohen Hürden: Wenn ein Ausflug Luxus ist

Mandy Grund ist mit ihrem schwerst mehrfach geschädigten Sohn Tim in Zschopau zuhause. Ausflüge an die frische Luft, die der Zwölfjährige sehr genießt, sind aber kaum mehr möglich. Es fehlt das passende Fahrzeug. "Leser helfen" will die Familie unterstützen - wie eine weitere in Crottendorf.

Zschopau/Crottendorf.

Es sind die kleinen Dinge, die Tim Grund Freude bereiten. Wenn der Zwölfjährige die Gegenwart anderer Menschen wahrnimmt und Geräusche hört, wird er richtig munter. "Tim hat gern Menschen um sich. Er genießt das regelrecht. Doch dazu hat er kaum noch die Möglichkeit", sagt Melanie Hentschel. Die Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, die den seit seiner Geburt schwerst mehrfach geschädigten Jungen mit anderen Kollegen der ambulanten Kinderintensivpflege der Chemnitzer Heim gGmbH betreut, kennt Tim seit 2011. Der Junge leidet unter anderem an Epilepsie, mangelnder Muskelspannung, Schluckstörungen und chronischer Lungenentzündung. Er muss rund um die Uhr versorgt werden.

Die Ausflüge, die Tims Mutter Mandy Grund und die sie unterstützenden Pflegekräfte mit dem Jungen unternommen haben, liegen schon länger zurück. Frische Luft und damit auch andere Eindrücke von außerhalb der Wohnung kann der Zwölfjährige bis auf kurze Spaziergänge fast nur vom Balkon aus genießen. "Da er weder frei sitzen noch stehen oder laufen kann, ist er auch bei der Beförderung auf seinen Spezialrollstuhl angewiesen. Dieser ist jedoch zu groß für mein Auto. Es gibt nur wenige Transporter, in die Tim damit gefahren werden könnte, beispielsweise in einen VW Caddy", hat sich Mandy Grund erkundigt. Dazu kommt noch das Sauerstoffgerät, das er immer bei sich führen muss. Doch der Kauf und die Umrüstung eines solchen Fahrzeugs würden die finanziellen Möglichkeiten der allein erziehenden Mutter, die als Serviererin in der Knappschafts-Klinik Warmbad arbeitet, überschreiten. "Dabei wäre Tim ein größeres soziales Umfeld zu wünschen, dass er beispielsweise seine Großeltern in deren Zuhause oder einfach mal den Zoo besuchen könnte", sagt Mandy Grund. "Auch wären häufigere Besuche des Ambulanten Kinderhospizes des Chemnitzer Elternvereins krebskranker Kinder möglich. Bei denen hätte nicht nur Tim Abwechslung. Dort findet auch seine Mutter Unterstützung", ergänzt Schwester Melanie. "Leser helfen", eine Spendenaktion der "Freien Presse", will sie und eine andere Familie im Erzgebirge unterstützen.

Das sind Silke, Helge und Julian Krauß, zuhause im etwa 45 Kilometer entfernten Crottendorf. Der heute zwölfjährige Junge war von Anfang an ein Kämpfer. Julian kam am 13. Juli 2007 viel zu früh auf die Welt. In der 23. Schwangerschaftswoche geboren, wog er nur 660 Gramm und war 30 Zentimeter groß. Die Ärzte mussten um sein Leben ringen. "Und er hat mitgemacht", sagt seine Mutter, Silke Krauß. "Seit dieser Zeit kämpfen wir als ganze Familie", erzählt die Crottendorferin. Mit ihrem Mann Helge versucht sie, das Beste für ihren schwerstbehinderten Sohn, der im Rollstuhl sitzt, zu tun. Doch die Lebensumstände in einem baufälligen Haus sind schwierig. In diesem Jahr traf die Drei ein weiterer Schicksalsschlag: Bei Helge Krauß wurde Darmkrebs diagnostiziert, die Chemotherapie dauert an. Die Familie ist in einer Ausnahmesituation.

Das größte Problem der Crottendorfer ist ihre Wohn-Situation. Eigentlich wollte Helge Krauß das Erdgeschoss ihres Hauses behindertengerecht umbauen, hat damit begonnen. Doch weitermachen kann er durch seine schwere Krankheit nicht. Die Familie lebt vor allem in kleinen Räumen im Obergeschoss, das Wohnzimmer ist zugleich Schlafraum für Julian und seine Mutter. Am meisten fehlt ein behindertengerechtes Bad - der Junge wird nur mithilfe einer Schüssel gewaschen. Solange er klein war, konnten ihn seine Eltern noch ins alte Bad im Untergeschoss bringen und in die Wanne legen. Doch das ist nicht mehr möglich.

Das Erdgeschoss ist bereits eine Baustelle - Elektrik, Heizung, der Austausch einiger veralteter Fenster - vieles muss neu gemacht werden. Doch es gibt noch einen weiteren Problemfall: das undichte alte Dach. "Bei starkem Niederschlag regnet es rein", schildert Helge Krauß. Er kann es aber nicht mehr wie bisher selbst flicken. Der Plan, einen Kredit für die Erneuerung aufzunehmen, ist durch seine Krebserkrankung ebenso gescheitert. Doch die Bauarbeiten wären dringend nötig.

Familie Krauß muss trotz allem im Alltag funktionieren. Julian besucht wochentags die Christian-Felix-Weiße-Schule in Kleinrückerswalde - eine Einrichtung mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Wegen Problemen mit seinem Rollstuhl kann zurzeit der Fahrdienst nicht genutzt werden, bringt ihn Silke Krauß vor der Arbeit hin und holt ihn danach wieder ab. Sie ist im Crottendorfer Werk der Hoppe-Gruppe beschäftigt, arbeitet fünf Stunden pro Tag in der Produktion des Herstellers von Beschlagsystemen. Auch ihr Mann ist dort Metallarbeiter, kann seinen Beruf zurzeit aber nicht ausüben. Derzeit muss seine Frau auch bei der Pflege von Julian vieles allein managen. Unterstützung von anderen Familienangehörigen ist nicht möglich, da die Eltern von Silke Krauß schon verstorben sind und ihre Schwiegermutter selbst krank sei.

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