Grundschule testet für ganz Sachsen

Ohne eine Überprüfung auf sonderpädagogischen Bedarf werden in Elterlein künftig alle Kinder in die 1. Klasse eingeschult. Schon jetzt besuchen vier Mädchen und Jungen mit Beeinträchtigungen die Einrichtung. Werden damit in Zukunft die Förderschulen überflüssig?

Elterlein/Dresden.

Welche Entscheidung ist die richtige für mein Kind? Diese Frage stellen sich Eltern im Laufe der einzelnen Lebensphasen ihres Nachwuchses des Öfteren. Darunter gibt es aber auch Entscheidungen, die auf einer Prioritätenliste ganz oben stehen. Dazu gehört etwa die Frage nach der Einschulung eines Kindes mit Behinderung. Soll es an einer Förderschule oder doch lieber inklusiv an einer Regelschule unterrichtet werden? Muss das Kind das Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs über sich ergehen lassen?

In der Grundschule Elterlein ist letzteres künftig nicht mehr nötig. Die Einrichtung ist eine von 17 in Sachsen, die an einem Pilotprojekt teilnehmen. Das startet offiziell mit dem Schuljahr 2019/20 - das bevorstehende dient der Vorbereitung - und erstreckt sich über fünf Jahre. Für diese Zeit hat sich die Grundschule verpflichtet, alle Kinder ohne Überprüfung bzw. Diagnostik auf sonderpädagogischen Bedarf im Bereich Lernen sowie sozial-emotionale Entwicklung einzuschulen und im ersten Schuljahr zu beschulen.

Ein solches Verfahren mit mehreren Tests und Untersuchungen der Kinder soll bei Bedarf frühestens im Verlauf der zweiten Klasse eingeleitet werden. Ziel des Projektes ist es, künftig flächendeckend in Sachsen auf dieser Basis zu arbeiten. Damit soll das erst 2017 in Kraft getretene neue Schulgesetz, in dem Inklusion eine noch größere Rolle als bisher spielt, besser umgesetzt werden. Zuvor muss darüber allerdings der Landtag eine Entscheidung treffen. Die dafür notwendigen Argumente sollen die 17 Pilotschulen liefern. Für die Grundschule Elterlein ist das alles nicht neu. Sie kann in dem Bereich auf Erfahrung verweisen. "Seit acht Jahren lernen immer wieder Kinder an unserer Einrichtung, die eine Beeinträchtigung haben. Aktuell sind es vier, die integrativ beschult werden", sagt Leiterin Karina Gerlach. Das bedeute einen erhöhten Bedarf an Förderung in den Bereichen Lernen und Sprache.

Als das erste Kind mit Behinderung damals auf die Grundschule kam, sei alles noch ziemlich experimentell gewesen. "Man stand allein auf weiter Flur, musste sich alles selbst aneignen. Das war wie ein zweites Studium. Aber es war auch ein unheimlicher Anreiz, es zu schaffen", erinnert sich Karina Gerlach. So sei sie etwa privat auf die Buchmesse nach Leipzig gefahren, um sich über Lehr- und Lernmittel zu informieren. Und sie fand unter anderem zwei von außen identische Fibeln, die sich im Innern aber beispielsweise durch unterschiedlich große Schriftarten auszeichneten. "Wir wollten dem Kind unbedingt Lesen und Schreiben beibringen. Und beides konnte das Kind tatsächlich nach den vier Jahren Grundschulzeit", sagt Karina Gerlach. Insofern ist sie sich sicher, dass das Pilotprojekt ebenso so viel Spaß macht und die erhofften Erfolge bringt. Zumal ihr gesamtes Kollegium voll dahinter stehe. Und auch von Seiten der Eltern habe es bislang zur gemeinsamen Beschulung von behinderten und nicht behinderten Kindern nie ein böses Wort gegeben.

Damit das größere Pensum während des Pilotzeitraumes geschafft werden kann, erhalten die 17 Schulen entsprechende Unterstützung, wie etwa Fördermittel. Damit soll zum Beispiel Personal - etwa ein Ergotherapeut - im Umfang von 20 Stunden pro Woche eingestellt werden. Auch sinke die Klassenobergrenze auf 25 Schüler.

Dadurch aber sei zu erwarten, dass in den nächsten beiden Schuljahren eine zweizügige Klasse 1 eingeschult wird. Das bedeute, dass weitere Räume nötig sind. "Wir brauchen schnell zwei zusätzliche Klassenzimmer", so die Schulleiterin. Der Träger, die Stadt Elterlein, weiß das. Laut Bürgermeister Jörg Hartmann sollen die Umbauarbeiten dafür noch dieses Jahr beginnen. Nicht ganz so schnell könne das Problem mit der Turnhalle behoben werden. Sicherheitsbegehungen der jetzigen Einfeldhalle hätten große Mängel aufgezeigt. Zudem befinde sie sich an der Kapazitätsgrenze, da sie außer von der Grundschule auch von der Oberschule und Vereinen genutzt wird. "Die Lösung kann nur der Bau einer Zwei-Feld-Halle sein", sagt Karina Gerlach. Eine solche soll laut Hartmann auch tatsächlich errichtet werden, aber nicht vor 2020.

Ein anderes Problem ist angesichts des Lehrermangels das zusätzliche Personal, das gebraucht wird, wenn perspektivisch ein inklusives Schulsystem Standard wird. Das Kultusministerium scheint dafür aber noch keinen Plan zu haben. Auf die von "Freie Presse" gestellte Frage, wie das zu erwartende personelle Problem in den Griff zu bekommen ist, heißt es nichtssagend: "Bei der Entscheidung müssen auch die Möglichkeiten, das erforderliche Personal gewinnen zu können, berücksichtigt werden."

Dass mit dem neuen Konzept Förderschulen überflüssig werden, glaubt Karina Gerlach nicht, weil es immer auch Fälle geben wird, in denen Regelschulen an ihre Grenzen stoßen. Das sei etwa dann der Fall, wenn kein Lernzuwachs spürbar ist.

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