"Honig im Kopf" - nicht zum Lachen

Was im Kino als Gag für Stimmung sorgt, bringt Angehörige von Demenzkranken im wahren Leben an ihre Grenzen. Ihnen soll eine Veranstaltungsreihe in Oelsnitz nun Austausch und Unterstützung bieten. Ein Experte rät zudem, Hilfe zuzulassen. Aber gerade dafür fehlen oft die Angebote.

Oelsnitz.

Als Dieter Hallervorden als an Demenz erkrankter Großvater Amandus in den Kühlschrank pinkelt, krümmt sich das Publikum im Saal vor Lachen. Stefan Nolte allerdings findet diese Szene aus dem Kinohit "Honig im Kopf" gar nicht lustig. Wer so etwas bei der Betreuung eines dementen Menschen erleben muss, dem sei keineswegs zum Lachen - den bringe das vielmehr ans Ende seiner Kräfte, sagt er. Nolte ist gelernter Krankenpfleger und studierter Pflegepädagoge sowie ausgewiesener Demenz-Experte.

Er kann aus seinen täglichen Begegnungen viele Beispiele aufzählen, die dem wahren Leben entnommen sind: ein Ehemann, der seine Notdurft auf dem Balkon verrichtet, eine Mutter, die beim Anblick der Tochter fragt, was die Fremde hier will, eine Ehefrau, die die Nacht zum Tag macht, weil sie kein Zeitgefühl mehr hat. Denn hinter Demenz verbergen sich eine Gedächtnisstörung, ein kontinuierlicher Verlust von Aufmerksamkeit, Denkvermögen, Orientierung und Sprache.

Was Nolte schildert, sind keine Einzelfälle. Heute leben in Deutschland 1,7 Millionen Menschen mit der Diagnose Demenz, sagt er, die Dunkelziffer sei weitaus höher. Und weil wir immer älter werden, seien 2030 schon 2,5 Millionen betroffen. Eine Herausforderung für die Verwandten, aber auch die Betreuungseinrichtungen, die laut Nolte oft nicht auf Demenzkranke eingestellt sind. Darum hält er Vorträge vor Menschen, die meist als nahe Verwandte Betreuung und Pflege übernehmen, und er schult Pflegeheime.

Aber Nolte liefert nicht nur Fakten und nötiges Wissen um die Krankheit, er versucht auch, den Angehörigen ein wenig ihrer Last zu nehmen. So auch an diesem Abend im Oelsnitzer Awo-Seniorenzentrum. Am Tisch sitzen fast 20 Frauen und Männer - allesamt betroffen durch die Demenz des Partners, der Mutter, des Vaters. "Ich wünschte mir, dass sich die pflegenden Angehörigen informieren und frühzeitig Hilfe von außen holen", sagt Nolte. Denn sie kämen oft an die Grenzen ihrer Belastbarkeit, "haben aber auch nur dieses eine Leben." Und: Es gehe nicht darum, "was die Nachbarn sagen", denn "die enorme Belastung ist für Außenstehende gar nicht nachzuvollziehen".

Eine Frau bestätigt das. Sie habe sich bis zuletzt um ihre inzwischen verstorbene Mutter gekümmert und sei selbst am Ende gewesen, habe eine psychosomatische Kur machen müssen. Noltes Tipp: Schon wenn erste Symptome auftreten, sollte man seine Fühler nach einer Tagespflege ausstrecken. Denn in dieser sogenannten milden Phase könne der Betroffene noch lernen, das Angebot anzunehmen, sich in der neuen Umgebung zu sozialisieren.

"Und wenn er nicht will?" Diese Frage wird ihm an diesem Abend nicht nur einmal gestellt. "Meine Mutti lehnt die Beschäftigung mit fremden Leuten ab", sagt eine Frau. Manchmal müsse man mit Tricks arbeiten, erklärt Peggy Kroschk, Leiterin des Seniorenzentrums. Zum Beispiel, zunächst einige Tage gemeinsam in die Tagespflege gehen, sich unter einem Vorwand dann aber zurückziehen. Eine Oelsnitzerin berichtet, sie habe ihrer Mutter vorm Umzug ins Heim gesagt, es handle sich nur um einen Urlaub. Letztlich sei die Heimunterbringung dann aber für beide Seiten die beste Lösung gewesen, denn erst so habe sie selbst wieder Kraft tanken und ihre Mutter regelmäßig und entspannt besuchen können. Ein wichtiger Aspekt auch für Nolte: Ein Demenzkranker spüre, wie es dem anderen geht. "Und das macht ihm Stress. Wenn es dem pflegenden Angehörigen gut geht, geht es also auch dem Demenzkranken besser." Jede Form von Stress führt zur Weiterentwicklung der Demenz, betont Nolte. "Und oft sind wir es, die ihnen diesen Stress machen", sagt er. Indem wir die Betroffenen kontrollieren, sie korrigieren. "Lassen Sie den dementen Menschen in seiner Welt, holen Sie ihn nicht immer wieder in die Realität, das treibt die Demenz nur voran", so sein Appell.

Er empfiehlt einerseits, sich Hilfe zu holen, verhehlt aber auch nicht, dass die Zahl der Tagespflegeeinrichtungen dem Bedarf hinterherhinkt und viele Pflegeheime noch gar nicht auf die Vielzahl der Demenzerkrankungen und deren spezifische Betreuung eingestellt seien. Aber die Praxis zwinge sie zum Umdenken, weiß er aus seiner Beratertätigkeit. Auch das Awo-Pflegezentrum befinde sich in solch einer Umstrukturierung, sagt Peggy Kroschk. Allerdings gehe so etwas nicht von heute auf morgen, koste Zeit und Geld. Auch mit dem Gedanken, eine Tagespflege einzurichten, trage man sich, weil in Oelsnitz noch keine existiere.

Das bestätigt Landkreis-Sprecher Stefan Pechfelder nach Rücksprache mit dem Referat Soziale Hilfen. Sieben Tagespflegeeinrichtungen mit insgesamt 99 Plätzen gebe es im Bereich Stollberg, davon befänden sich zwei in Stollberg selbst, zwei in Zwönitz, je eine in Thalheim, Lugau und Niederwürschnitz. In Hohndorf plant die dortige Fliedner-Stiftung, 20 Tagespflegeplätze in ihr künftiges Pflegeheim zu integrieren. Noch aber ist das Gebäude eine Tiefbaustelle.


Angebote: allgemeine Pflegeberatung und Stammtisch

Seit 2009 besteht ein Rechtsanspruch auf individuelle Beratung und Hilfestellung bei der Auswahl und Inanspruchnahme von Leistungen und Angeboten zur Unterstützung von Menschen mit Pflege-, Versorgungs- oder Betreuungsbedarf. In Sachsen wurde deshalb eine vernetzte Pflegeberatung eingeführt.

Im Erzgebirgskreis wurde zudem eine Arbeitsgemeinschaft Pflegenetz gebildet, deren Akteure unter anderem Sozialleistungsträger, Leistungserbringer und Selbsthilfegruppen sind. Das Pflegenetz bietet den Kommunen eine allgemeine Pflegeberatung an. Zuletzt fand eine solche in Oelsnitz statt. Dort wurde insbesondere zur Verwendung des sogenannten Entlastungsbetrages nachgefragt, zur Abrechnung von Leistungen aus der Tagespflege und zu Vermögensfreibeträgen und Einkommensgrenzen bei Gewährung von Sozialhilfe, insbesondere für die Hilfe zur Pflege und Hauswirtschaftshilfe.

Der Stammtisch für pflegende Angehörige im AWO-Seniorenzentrum, Beethovenstraße 12 in Oelsnitz, findet jeden ersten Dienstag im Monat ab 18 Uhrstatt. Thema am 5. November: "Pflegebedürftig - was nun?". (vh)

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