Hundewelpe nach Horrorfund notoperiert

72 Tiere sind vor zwei Monaten auf einem Hof in Reitzenhain verhungert oder verdurstet. Die junge Schäferhündin Emma hat überlebt. Sie kam mit ihrer Mutter und den neun Geschwistern ins Heim. Dort benötigte sie noch einmal einen Schutzengel.

Reitzenhain/Bockau.

Zack - ganz fix ist Emma unter der Sitzbank verschwunden. Doch kurze Zeit später treibt die Neugier die kleine Schäferhündin wieder in die Küche des Tierheims in Bockau, in dem der Welpe seit rund acht Wochen lebt. Weil er mit viel Glück überlebt hat. Emma, ihre neun Geschwister und ihre Mutter stammen von jenem Hof in Reitzenhain, auf dem vor zwei Monaten grausige Funde gemacht wurden.

Für zwei Rinder, vier Schafe, drei Ziegen, drei Kaninchen, sechs Gänse, fünf Enten und 49 Hühner kam jede Hilfe zu spät. Sie sind qualvoll verhungert oder verdurstet. Einige Tiere aber konnten gerade noch gerettet werden - neben drei Ziegen, einer Henne, acht Gänsen und einer Katze auch 18 Hunde. Sie wurden noch vor Ort von Mitarbeitern des Veterinäramtes notversorgt, den Tatverdächtigen weggenommen und schließlich anderweitig untergebracht - auch in Vertragstierheimen, erklärt Landratsamtssprecher André Beuthner.

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Die ausgezehrte Schäferhündin und ihre zehn Welpen kamen nach Bockau. Emma, heute zwölf Wochen alt, benötigte sogar ein zweites Mal einen Schutzengel. "Wir merkten schnell, dass mit ihr etwas nicht stimmt", berichtet Christiane Fuchs, Vorsitzende des Tierschutzvereins Aue-Schwarzenberg. Während die anderen Welpen munter das ihnen vorgesetzte Fressen verdrückten, wollte es bei Emma nicht drinbleiben. Sie erbrach sich immer nach der Futteraufnahme. "Wir ließen sie röntgen, und unser Verdacht wurde bestätigt", sagt Fuchs. Die junge Hündin litt an einer Ringanomalie, ausgelöst durch eine embryonale Entwicklungsstörung. Die Aorta als größte Arterie transportiert das sauerstoffreiche Blut vom Herzen in den Körper. Beim Fötus entwickelt sie sich aus der linken Aortenbogenanlage und ist mit der Lungenarterie durch ein Gefäß verbunden, das sich nach der Geburt und dem Einsetzen der Lungenatmung bis auf ein Band zurückbildet. Bei Emma aber kam es zur Ausbildung eines rechten Aortenbogens, der rechts an der Speiseröhre vorbeizieht und sie regelrecht einschnürt. Oberhalb der Verengung entsteht eine Weitung. Darin sammeln sich Futter oder Reste, die nicht erbrochen wurden. Ausreichend ernährt wird das Tier auf Dauer nicht. Es magert ab. Ohne Hilfe stirbt es. Zudem besteht die Gefahr einer Lungenentzündung, wenn Futterreste in die Luftröhre geraten.

Eine heikle Operation in Herznähe hat Emma gerettet. Völlig aus dem Schneider ist sie noch nicht. Zwar heilt die zehn Zentimeter lange Narbe unter dem Vorderlauf gut. Doch Emma kann nur gefüttert werden, wenn sie aufrecht auf den Hinterbeinen steht. "Damit das pürierte Futter in den Magen rutscht", erklärt Fuchs. Ob sich das bei Emma je ganz gibt, konnte der Tierarzt nicht versprechen. "Sie braucht viel Pflege und Zuwendung." Daher sei die Vermittlung schwierig, aber nicht unmöglich. "Wir hoffen, dass wir für alle Welpen dieses Wurfs liebevolle Besitzer finden", sagt Fuchs.

Mit 3000 Euro schlug die OP zu Buche - viel Geld für den Verein. Hinzu kommen Kosten für Nachuntersuchungen. "Ein paar Spenden haben uns schon erreicht. Dafür sind wir dankbar und hoffen, es werden noch mehr." Der Start ins Leben sei für die niedlichen Vierbeiner bereits holprig genug gewesen. "Wir haben alle wieder aufgepäppelt, auch die Mutter, die am schlechtesten dran war." Nun hoffen alle, dass sich schnell Interessenten finden.

Derweil laufen die Ermittlungen gegen einen Mann und eine Frau aus Reitzenhain wegen des Verdachts der Tierquälerei. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, drohen den Tatverdächtigen bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe, erklärt Oberstaatsanwältin Ingrid Burghart. (mit rickh)

Spenden für die Operation bei Emma sind unter dem Stichwort "Emma" an folgendes Konto bei der Erzgebirgssparkasse möglich: IBAN DE86 8705 4000 3820 5126 90.


Stadtwerke-Geschäftsführer weist Kritik zurück: "Wir kommen nicht einfach mit der Abrissbirne und machen alles platt"

"Warum haben die Stadtwerke das Haus verkauft?" Ein Anwohner aus Reitzenhain hat bereits zweimal den Stadtrat Marienberg aufgesucht, um in der Bürgerfragestunde seinen Unmut zu äußern. Die toten Tiere wurden auf zwei Grundstücken im Ortsteil der Bergstadt gefunden. Eines der beiden sei erst vor wenigen Jahren von den Stadtwerken Marienberg veräußert worden. Seitdem stehe das Haus leer, nur der Schuppen wurde als Stall genutzt. Der Einwohner versteht nicht, warum die städtische Gesellschaft das Gebäude verkauft hat, zumal es sich um eines der beiden ältesten Häuser Reitzenhain handelt. Das passe so gar nicht zum Handeln der Stadt, die bemüht sei, leerstehende, heruntergekommene Häuser zu kaufen und anschließend sanieren oder abreißen zu lassen. Und warum sicherten sich die Stadtwerke kein Rückkaufrecht, sollte der Käufer die historische Immobilie weiter verkommen lassen, fragt sich der Bewohner.

Stadtwerke-Geschäftsführer Mike Kirsch rechtfertigt den Verkauf und weist die Kritik zurück. Er versteht, dass das Thema mit Emotionen verbunden sei: "Aber wir engagieren uns stark in der Region, als kommunales Unternehmen noch mehr als ein rein wirtschaftlich denkender Betrieb." So haben die Stadtwerken in Reitzenhain das alte Rathaus sanieren lassen. Bei dem besagten Haus wiederum sei sensibel abgewogen worden. "Wir kommen nicht einfach mit der Abrissbirne und machen alles platt." Es habe einen Interessenten gegeben. "Eine Chance, das Gebäude zu erhalten." Der Bewerber, bei dem es sich nicht um den tatverdächtigen Tierquäler handelt, sei geprüft worden und habe ein schlüssiges Konzept vorgelegt. Eine Rückkaufklausel werde nur bei neuen Wohn- und Gewerbesiedlungen und Förderprojekten angewendet.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Uwe Theml betont, dass die Stadtwerke nicht gegen die Interessen der Stadt arbeiten und viel Geld für ein schöneres Stadtbild investieren. Oberbürgermeister André Heinrich ergänzt, dass mit dem Eigentümer gesprochen werden kann: "Ihn zwingen, etwas zu ändern, können wir aber nicht." (rickh)

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