"Ich kann vier Finger bewegen!"

Manuela Seidel kennt endlich den Grund, weshalb sie ihre Arme seit fast 20 Jahren nicht mehr bewegen kann. Nun ist auch eine Therapie gefunden, die der 54-jährigen Frau aus Beierfeld zugleich neue Hoffnung schenkt.

Beierfeld.

Es ist nahezu unglaublich, aber wahr: Manuela Seidel kann wieder vier Finger bewegen. Jeweils Daumen und Zeigefinger beider Hände. Sie sagt es - und ihr laufen die Tränen.

Etwa 20 Jahre lang war das für die 54-jährige Frau aus Beierfeld nämlich undenkbar. 20 Jahre lang hingen ihre Arme an ihrem Körper schlaff herunter, als wären es Würste. So beschrieb sie es noch bei der ersten Begegnung. Seither ist eine Menge passiert. Denn das Schicksal der Beierfelderin, die bis Mitte der 1990er-Jahre eine tüchtige Hausfrau war und zudem dreifache Mutter ist, hat viele Erzgebirger tief berührt. Noch im Herbst war sie verzweifelt auf der Suche nach Hilfe für den Einbau eines Treppenlifts. "Denn ohne Arme kann ich mich ja nicht abfangen, wenn ich stolpere", erzählte sie. Bis dato war sie auf dem Po die Treppen im Haus herunter gerutscht.

Hunderte Erzgebirger spendeten daraufhin im Rahmen der "Freie-Presse"-Aktion "Leser helfen". Mehr als 36.000 Euro kamen zusammen. Mittlerweile ist der Lift eingebaut. Das hat gut 8000 Euro gekostet. Über das restliche Geld kann sie für Therapien und Hilfsmittel weiterhin verfügen. Und weil Manuela Seidel nie eine konkrete Diagnose kannte, weshalb sie die Kraft in den Armen verlor, packte sie die Chance beim Schopfe und begann, ihre Krankheit neu zu hinterfragen.

"Für mich ist ein Wunder geschehen", sagt Manuela Seidel. Inzwischen hat sie - einer Empfehlung folgend - ein Ärzteteam im Bundeswehrkrankenhaus von Berlin-Mitte gefunden, das die 54-jährige Erzgebirgerin untersucht hat. "Die haben mich von Kopf bis Fuß auf links gedreht", erzählt sie. Am 23. Februar ging es los. Ausgangspunkt, so steht es im Arztbericht: "höchstgradige Diparese (Lähmung) der Arme mit beginnender Zwerchfellparese". Daraus resultiert die zunehmende Kurzatmigkeit, die der 54-Jährigen schwer zu schaffen macht.

"Sie haben unzählige Blutproben genommen und ins Labor geschickt, haben Nervenwasser gezogen, sie haben sich mit Experten in Lübeck und in Heidelberg ausgetauscht, das habe ich mitbekommen, und am Ende habe ich dann fünf Tage lang Infusionen bekommen. Pro Tag acht Flaschen a 200 Milliliter", berichtet die Erzgebirgerin. Heute weiß sie endlich: "Es ist eine Autoimmunerkrankung. Irgendwann hat sich ein Virus an die Nervenverzweigungen meiner Wirbelsäule angedockt. Und das hat allmählich dazu geführt, dass ich meine Arme nicht mehr ansteuern kann", gibt sie das wieder, was ihr die Ärzte in Berlin erklärt haben. "Zum Teil standen ja sieben und acht Ärzte an meinem Bett. Mein Fall hat alle interessiert. Sie haben sich so liebevoll gekümmert. Ich wurde umsorgt, das ist der blanke Wahnsinn."

Am 2. März, und somit am vierten Tag nach den ersten Infusionen, da habe sie es erstmals gemerkt: "Plötzlich hab' ich meine Finger bewegen können. Daumen und Zeigefinger. Rechts etwas mehr als links", sagt sie und demonstriert den ersten und für sie so bedeutsamen Schritt. "Jetzt muss ich fleißig sein und hoffen, dass es vielleicht noch etwas mehr wird. Immer wieder üben", meint sie. "Der weitere Verlauf bleibt abzuwarten", halten sich die Mediziner in Berlin mit Prognosen noch bedeckt. Doch in Manuela Seidel keimt natürlich die vage Hoffnung, schrittweise noch etwas mehr an Mobilität ihrer Arme zurückzugewinnen. Spezielle Physiotherapie und Reizstrom, wie sie das im Krankenhaus auch erhalten hat, sollen diesen Prozess unterstützen.

Auch die Atmung habe sich bereits wesentlich verbessert. "Ich kann wirklich viel besser Luft holen, bin nicht mehr so schnell aus der Puste", meint sie. Ihre Körperhaltung ist heute ebenfalls anders als noch vor dem Klinikaufenthalt. Sie zieht die Schultern nicht mehr permanent hoch, um Luft in die Lunge zu pumpen. "Ihr wisst gar nicht, wie überglücklich und dankbar ich bin", sagt sie immer und immer wieder.

Die Familie ist ebenfalls überwältigt von diesen Nachrichten. Manuela selbst träumt davon, ihren dreijährigen Enkel irgendwann an die Hand nehmen zu können und mit ihm spazieren zu gehen.

Anfang April, so berichtet sie, soll sie sich nochmals in Berlin in der Klinik melden. Dann gibt es erneut fünf Tage lang Infusionen und somit nochmals einen "Nachschlag" in Sachen Hoffnung und Zuversicht.

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