Jahrhundertealte Brüderschaft im Dienste einer Glocke

Seit 1543 hängt in der St.-Niklas-Kirche in Ehrenfriedersdorf die Große Glocke. Im selben Jahr gründete sich die Turmlautbrüderschaft. 475 Jahre ist das her. Doch der Ritus ist geblieben.

Ehrenfriedersdorf.

Dass Kirchenglocken nur per Hand geläutet werden können, ist zwar selten, aber vermutlich keine besonders große Ausnahme. In Ehrenfriedersdorf kommt aber ein Umstand hinzu, der das Läuten der Glocken und vor allem die Menschen, die das tun, zu einer Einzigartigkeit machen. Zumindest ist Ähnliches bisher nicht bekannt. In der Bergstadt gibt es eine Turmlautbrüderschaft.

Gegründet wurde sie 1543, also in jenem Jahr, als auch die Große Glocke in die St.-Niklas-Kirche kam. Beide - Glocke und Brüderschaft - werden in diesem Jahr also 475 Jahre alt.

Knapp ein halbes Jahrtausend, und doch gibt es die Turmlautbrüderschaft immer noch. Die Gründe sind auf der einen Seite offensichtlich. Nach wie vor braucht es Muskelkraft, um der 2460 Kilogramm schweren Glocke ihr Geläut zu entlocken. "Früher wurde sie getreten", erklärt Tobias Ullmann, einer von 26 aktiven Turmlautbrüdern. Die Glocke hing anfänglich so niedrig, dass der Klöppel bei nachlassender Festigkeit der Riemen sogar auf dem Boden schliff. Noch heute sind die Spuren davon zu sehen. Zwei starke Männer mussten damals die Pfoste abwechselnd nach unten treten, um die Glocke zum Schwingen zu bringen. Eine schweißtreibende Arbeit - vor allem an hohen Feiertagen, wenn eine Stunde geläutet wird. Also musste sich die Kirchgemeinde etwas ausdenken und rief die Turmlautbrüderschaft ins Leben.

Was auf den ersten Blick ein bisschen nach Geheimbund klingt, ist im Grunde ein Zusammenschluss von Männern - das ist bis heute so geblieben -, die Mitglied der Gemeinde sind und für das Läuten der Glocke Verantwortung tragen. Ein bisschen mystisch wird es dann aber doch. Denn eines ist den Turmlautbrüdern wichtig: Die Tradition muss bewahrt werden. So besitzen die Brüder eine Lade - das Original verbrannte beim Stadtbrand 1802 -, in der alles Wichtige gesammelt wird. Um Hochneujahr kommen die Mitglieder zudem zum Konvent zusammen. Zu Beginn wird die Lade geöffnet und eine Kerze angezündet. "Zu diesem Zeitpunkt darf kein alkoholisches Getränk mehr auf dem Tisch stehen", erklärt Winfried Nönnig. Zum Konvent wird zudem der neue Oberbruder ernannt. "Es ist eine Ehre, dieses Amt zu übernehmen", so Holger Felber, der aktuelle Oberbruder.

Doch worin liegen nun genau die Aufgaben, und wie läuft das ganz praktisch ab? Zunächst muss festgehalten werden, dass die Glocke heute nicht mehr getreten, sondern gezogen wird. Dabei stehen die Männer quasi eine Etage unter der Glocke. Nur durch eine Auslassung im Boden können sie den Klöppel sehen und damit den Schwung beobachten. Das ist wichtig, denn die Glocke kommt erst nach und nach in Schwung. Der erste Glockenschlag sollte daher nicht zu früh und auch nicht zu spät erfolgen. Im Einsatz sind an Samstagen und Sonntagen in der Regel jeweils zwei Mann, die gemeinsam die Glocken läuten. Die Große Glocke erklingt Samstag um 18 Uhr. Sonntag sind die Turmlautbrüder 8, 9 und 9.55 Uhr am Zuge. Nach fünf Minuten verstummt die Glocke wieder. Anders sieht das an hohen Feiertagen wie Weihnachten, Pfingsten und Ostern aus. Dann schallt die Kirchenglocke eine Stunde lang durch die Stadt. Zwei Mann genügen dann nicht mehr, also steigen sechs Männer in den frühen Morgenstunden den Turm hinauf. Von vier bis fünf, beziehungsweise 24 bis 1 Uhr zu Silvester wird geläutet.

Gefeiert werden 475 Jahre Große Glocke und 475 Jahre Turmlautbrüderschaft am Wochenende zur Kirmes. Am Samstag stehen von 15 bis 17 Uhr Turmführungen an. 15.30 bis 16.30 Uhr spielt der Posaunenchor, 17.30 bis 18 Uhr ist das Turmblasen geplant. Ab 18 Uhr wird die Glocke für 15 Minuten gezogen. Der Festgottesdienst beginnt am Sonntag, 10 Uhr. Von 14 bis 17 Uhr finden Turm- und Kirchenführungen statt.

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