Junge Marienbergerin rettet Leukämiekrankem das Leben

Er hat dank ihrer Stammzellen eine Zukunft. Ralf Schüßling aus Thüringen durfte nun Josi Paulig kennenlernen, die sich nicht als Heldin sieht. Für den Rentner war ihre Spende die letzte Hoffnung.

Marienberg/JEna.

An jenem Tag im Juli 2017 hat für Ralf Schüßling die Welt stillgestanden. Über das, was schon vermutet wurde, gab es nun Gewissheit. Diagnose: akute Leukämie. "Man fühlt sich in dem Augenblick wie gelähmt", erzählt er. Viele Gedanken seien ihm durch den Kopf geschossen. Gedanken über seine Familie, sein zurückliegendes Leben und seine ungewisse Zukunft. 50 Prozent betrug seine Chance, die gefährliche Krebserkrankung zu überstehen. Vielleicht auch mehr oder weniger, genau konnten ihm die Ärzte das nicht sagen.

Nun sitzt Ralf Schüßling zum ersten Mal demjenigen Menschen gegenüber, der ihm ein "zweites Leben" geschenkt hat, wie er betont. Vor ihm steht ein Glas Wasser, aus dem er nur wenig trinkt während er konzentriert seine Geschichte erzählt. Josi Paulig hört ihm gebannt zu. Sie fühle sich nicht als Heldin, sagt die Marienbergerin mehrfach. Die Spende sei keine große Sache gewesen. Und doch hat die 24-Jährige dem Thüringer mit ihren Stammzellen das Leben gerettet.

2014 hatte Ralf Schüßling bemerkt, dass etwas in seinem Körper nicht mehr stimmte. Es folgten verschiedene Untersuchungen. Ärzte verordneten Medikamente. "Ich dachte, es liegt einfach am Alter", sagt der heute 66-Jährige. Abgeschlagenheit und Müdigkeit nahmen jedoch zu. Letztlich blieb nur noch der Weg ins Krankenhaus. Als die Diagnose feststand, zeigte sich: Mit einer reinen Chemotherapie würde Ralf Schüßling den Kampf gegen den Blutkrebs wahrscheinlich verlieren. Zu sehr hatte der Krebs sein Knochenmark schon angegriffen. Also blieb die Stammzelltherapie als einzige Hoffnung.

Doch zunächst musste ein passender Spender gefunden werden. Der Weg führte über den Verein für Knochenmark- und Stammzellspenden ins Erzgebirge. Josi Paulig hatte sich kurz vor ihrem 18. Geburtstag registrieren lassen. Ein Fall unweit ihres Heimatortes habe sie dazu bewogen, sagt sie. Damals ließen sich viele Menschen der Region als infrage kommende Spender vermerken, um Lynn aus Großrückerswalde zu helfen. Für das Mädchen konnte ein anderer Spender gefunden werden. Jahre später wurde Josi Paulig vom Verein angeschrieben.

Für die Grundschullehrerin stand schnell fest: Sie will dem zu diesem Zeitpunkt für sie noch völlig unbekannten Menschen helfen. Verschiedene Untersuchungen folgten, bis es im Januar 2018 soweit war. "Ich habe mir zunächst mehrfach ein Medikament gespritzt, wodurch sich aus meinem Knochenmark Stammzellen lösten. Später wurden sie aus meinem Blut gefiltert. Dies hat einige Stunden gedauert." Unangenehm sei die Prozedur nicht gewesen, erklärt Josi Paulig, die anderen Mut machen will, es ihr gleich zu tun und sich registrieren zu lassen.

Ralf Schüßling hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Chemotherapien hinter sich, mit denen das kranke Knochenmark zerstört wurde. Grüne, gelbe, rote Flüssigkeiten seien in ihn per Tropf hineingelaufen. Die Chemotherapie habe ihm zugesetzt. Doch Ralf Schüßling hatte ein Ziel vor Augen: Er wollte den Krebs unbedingt besiegen.

Als schließlich die von Josi Paulig gespendeten Stammzellen übertragen wurden, habe sich dies angefühlt, als würde in ihn das Leben zurückkehren, sagt Schüßling. Die folgenden Wochen habe er zahlreiche Krämpfe durchlitten, als sich sein Knochenmark neu aufbaute. Doch mit jedem Schmerz habe er Hoffnung verbunden. "Ich wusste, dass mir die Spende hilft."

Inzwischen kann Ralf Schüßling wieder ein normales Leben führen. Er habe sogar schon einen Urlaub in Skandinavien verbracht. Für ihn sei es ein Herzenswunsch gewesen, nach der vorgeschriebenen Wartezeit Josi Paulig kennenzulernen. Da beide zustimmten und nicht anonym bleiben wollten, kam der Kontakt zustande. "Wir verstehen uns sehr gut", sagt der Rentner, und Josi Paulig pflichtet ihm gerührt bei. Die Entfernung zwischen seinem Heimatort Ranis bei Jena sowie Marienberg sei ja nicht allzu groß, ergänzt er. Ein Wiedersehen soll später folgen. Und es ist beiden anzusehen, dass ihnen die sich entwickelnde Freundschaft viel bedeutet.


Insgesamt 8,5 Millionen Registrierte in Deutschland

Regelmäßig finden auch in der hiesigen Region Typisierungsaktionen statt - die zum Beispiel vom Verein für Knochenmark- und Stammzellspenden (VKS) unterstützt werden. Grund: Je mehr Menschen sich registrieren lassen, desto besser stehen für Erkrankte die Chancen, einen passenden Spender zu finden. Aktuell sind in Deutschland 8,5 Millionen Menschen vermerkt. Alle Daten werden anonym in einer zentralen Datenbank gesammelt.

Mit einem Stäbchen wird aus dem Mund des möglichen Spenders eine Probe genommen. Diese erlaubt Rückschlüsse, inwiefern es Übereinstimmungen in Hinblick auf die Gewebemerkmale gibt, wobei nicht zwingend 100 Prozent vorliegen müssen. Nur ein geringer Teil der Registrierten wird tatsächlich auch zum Spender. Laut VKS beläuft sich der Anteil auf rund 1 Prozent.

Kommt es zur Spende, gibt es zwei Varianten. Einerseits können Stammzellen aus dem Blut gefiltert werden, anderseits ist eine operative Entnahme von Knochenmark aus dem Beckenkamm möglich - wobei alles auf Freiwilligkeit beruht. (geom)

www.vks-deutschland.de

www.zkrd.de

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