Keine Branche kann alle Ausbildungsplätze besetzen

Das neue Lehrjahr beginnt. Ähnlich wie auf dem Arbeitsmarkt wird auch hier die Spanne zwischen Angebot und Nachfrage immer größer.

Annaberg-Buchholz.

Annähernd 2600 Absolventen haben in diesem Jahr die Bildungseinrichtungen im Erzgebirgskreis verlassen. 1704 von ihnen haben sich bei der Suche nach einem geeigneten Ausbildungs- oder Studienplatz an die Agentur für Arbeit in Annaberg-Buchholz gewandt. "Eine hohe Quote", konstatiert Agenturchef Nino Sciretta. Der Großteil von ihnen - reichlich 1200 Schülerinnen und Schüler - ist vermittelt. Mehr als 450 haben noch keinen Vertrag in der Tasche.

Dabei stehen die Chancen gut, denn momentan gibt es noch 770 freie Ausbildungsstellen im Bereich der Arbeitsagentur. Doch der Chef weiß auch: "Der Ausgleich am Ausbildungsmarkt ist kein Selbstläufer. Die Bewerber sind gefordert, ihre Stärken für die Unternehmen sichtbar zu machen und Unternehmer sollten bei der Einstellung des Nachwuchses nicht nur auf die Noten schauen. Wie das Ganze gehen kann, zeigen die Profis am Ausbildungsmarkt. Sie bringen beide Seiten zusammen und leisten Unterstützung bei der Lehrstellensuche."


Im Handwerk im Erzgebirge gibt es laut Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Chemnitz aktuell noch mehr als 100 unbesetzte Plätze. 349 neue Ausbildungsverhältnisse sind zum 1. August abgeschlossen worden, erläutert Robert Schimke von der Kammer. Auch bei den Annaberger Backwaren - das Unternehmen betreibt Filialen im gesamten Erzgebirge - haben drei Jugendliche ihre Ausbildung begonnen. "Wir sind aber auch noch auf der Suche", erläutert Geschäftsführer Martin Hübner. Insbesondere Bäcker würden noch gebraucht. Auch an der einzigen Holzspielzeugmacher- und Drechslerschule Deutschlands in Seiffen würde sich der verantwortliche Lehrmeister für die Verbundausbildung, Reinhard Friedemann, mehr Nachwuchs wünschen. "Die Branche benötigt dringend Fachkräfte", begründet er. Im neuen Ausbildungsjahr werden in den drei Klassenstufen voraussichtlich 33 Lehrlinge ausgebildet. Für die kommenden zwei Jahre rechnet die Handwerkskammer unterdessen mit leicht steigenden oder zumindest gleichbleibenden Lehrlingszahlen - auch, weil sich wieder mehr Abiturienten für einen Beruf im Handwerk interessieren.

Die Industrie in der Region bewegt sich in dem gleichen Spannungsfeld: "Derzeit und zukünftig werden weniger als halb so viele junge Menschen in den Arbeitsprozess einsteigen wie ältere Menschen aussteigen", sagt Matthias Lißke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Erzgebirge. Qualifizierte Zuwanderung ist für ihn deshalb "ein absolutes Muss". Dafür müsse sich das Erzgebirge aber nach außen noch viel besser als attraktiver Lebensraum mit entsprechenden Beschäftigungsangeboten darstellen. Auch, um junge Leute in der Region zu halten - insbesondere Gymnasiasten. "Dazu gibt es das Projekt Karriere Dual", erläutert er. Damit soll Gymnasiasten die Möglichkeit eröffnet werden, mit einer hochwertigen dualen Ausbildung oder einem dualen Studium in der Region zu beginnen. Dabei gehe es auch darum, Ausbildungs- und Lebensplanung miteinander zu verbinden. Dafür sei unter anderem die Arbeit der Praxisberater in den Schulen unerlässlich, da dort den Jugendlichen individuelle Unterstützung entgegengebracht werde. Mittlerweile verfügen laut Matthias Lißke 35 der 38 Oberschulen im Landkreis über solche Berater. Hilfe, die auch einem anderen Trend entgegen wirken kann: "Circa 23 Prozent der Auszubildenden brechen im Erzgebirge einmal ihre Lehre ab. Das ist nach wie vor zu viel", konstatiert der Wirtschaftsförderer.

Für Gastronomie und Handel werden die Zahlen mit von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz erfasst. Für den Bereich der Regionalkammer Erzgebirge weist die Statistik aktuell 1663 Ausbildungsverhältnisse aus - davon 145 im Hotel- und Gaststättengewerbe. Noch unbesetzt sind in beiden Branchen etwa 50 Stellen. Insgesamt weist die verbandseigene Lehrstellenbörse im Kammerbezirk Chemnitz aktuell noch mehr als 600 offene Stellen aus - sachsenweit sind es noch annähernd 1400 Ausbildungsplätze, die noch nicht besetzt sind.

"Die Arbeitskräftegewinnung bleibt eine Herausforderung für alle Unternehmen", sagt Geschäftsführerin Jana Dost. Alle an der dualen Ausbildung Beteiligten müssten sich deshalb weiter intensiv dem Thema Berufsausbildung und Berufsorientierung widmen. Darüber hinaus müssen die Rahmenbedingungen passen, fordert sie. Auch für kleine und kleinste Unternehmen, die im Erzgebirge mehr als 90 Prozent ausmachen. Als einen wichtigen Baustein dafür sieht sie den Erhalt der Berufsschulzentren im ländlichen Raum an. "Gerade im Bereich Hotel und Gastronomie verfügen wir mit den Standorten in Annaberg-Buchholz und Schneeberg noch über eine recht gute Infrastruktur, die es unbedingt zu erhalten gilt."

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