Kirche setzt auf virtuelle Gottesdienste

Um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren, dürfen in den Kirchen keine Messen mehr stattfinden. Um zu improvisieren, wollen die Pfarreien die technischen Möglichkeiten nutzen. Indes lässt sich damit nicht jedes Problem lösen.

Annaberg-Buchholz/Aue.

Ein hellblaues Schild im Schaukasten der katholischen Pfarrei "Heilig Kreuz" in Annaberg verkündet, dass alle Gottesdienste bis auf Weiteres ausfallen. Ein ähnliches Bild wenige Hundert Meter entfernt: Die evangelisch-lutherische St.-Annen-Kirche ist nur für Andacht und stilles Gebet geöffnet. Eigentlich gehören der sonntägliche Gottesdienst und Veranstaltungen unter der Woche für Tausende Christen in der Region zum Leben dazu. Doch um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, ist all das auf unbestimmte Zeit unmöglich. "Freie Presse" hat sich umgehört, wie die Kirchen reagieren, damit das geistliche Leben nicht zum Erliegen kommt.

Rasch hat das Bistum Dresden-Meißen gehandelt. Schon am Wochenende wurde ein Gottesdienst per Livestream übertragen. Insgesamt habe es rund 5000 Zugriffe auf das Internetvideo gegeben, sagt Bistumssprecher Michael Baudisch. An allen Sonntagen während der Corona-Krise sollen Gottesdienste gestreamt werden, vor allem aus Leipzig.

Doch auch regionale Lösungen sind in Arbeit. "Mit Lokalkolorit ist das noch einmal was anderes", sagt Winfried Kuhnigk, leitender Pfarrer der Pfarrei "Mariä Geburt", die von Johanngeorgenstadt bis Zwönitz reicht und 3400 Mitglieder hat. "Wir planen sonntags virtuelle Gottesdienste, die man sich über unsere Homepage anschauen kann." Auch werktags sei das denkbar. Zurzeit werde die technische Realisierbarkeit geprüft. Doch auch an die älteren Kirchgänger, die nicht im Netz unterwegs sind, denken die Pfarrer. Kuhnigk feilt mit seinem Annaberger Amtsbruder Andreas Schumann an einem Angebot im Regionalfernsehen. "Die Überlegungen sind aber noch am Anfang", macht Schumann klar. "Wir versuchen das Digitale bestmöglich zu nutzen", fasst Winfried Kuhnigk zusammen. Auch die Kommunikation in der Gemeinde laufe gut, etwa in einer Whatsapp-Gruppe. Die Reaktionen auf die Lage fallen bunt aus, sagt der Pfarrer. "Die Bandbreite reicht von Leuten, die es nicht verstehen, bis zu welchen, die Ideen einbringen und helfen wollen." Freilich kann nicht alles virtuell stattfinden. "Besuche bei Alten und Kranken können wir im Moment nicht leisten, auch wenn diese Gruppen besonders auf Beistand angewiesen sind. Doch gerade sie sind ja durch Kontakte gefährdet", bedauert Kuhnigk.

Die evangelischen Gemeinden verfolgen ähnliche Strategien. "Wir versuchen, einen Gottesdienst im Fernsehen zu platzieren", sagt der Annaberg-Buchholzer Pfarrer Karsten Loderstädt. Auch gebe es Ideen für Gottesdienst-Videos bei Youtube und anderes. "Die Jesus-House-Leute haben etwa ihre Veranstaltungen kürzlich per Internet zu Ende gebracht - die wollen wir mit ins Boot holen." Derweil soll St. Annen weiter fürs Gebet offen stehen, am Sonntag werde auch ein Pfarrer vor Ort sein. "Bei allem gebotenen körperlichen Abstand", mahnt Loder-städt, "sollten wir uns nicht aus den Augen verlieren und dürfen die Vereinzelung in der Gesellschaft nicht weiter stärken." Und selbst der Musikunterricht müsse nicht zwangsläufig flachfallen. Die Kinder könnten etwa zuhause auf ihrem Instrument üben, die Eltern zeichnen ein kurzes Video auf und schicken es an den Kantor, der Hinweise zurücksendet. An Ideen und Kreativität mangelt es in Zeiten des Corona-Virus in den Kirchen jedenfalls nicht.


Infiziertenanzahl steigt weiter

Die Anzahl der Corona-Fälle im Erzgebirgskreis ist auf 15 gestiegen. Am Mittwoch informierte das Landratsamt über positive Virustests bei einer Frau aus Stollberg, einem Mann aus Neukirchen sowie einer Frau und einem Mann aus Hohndorf. Das Gesundheitsamt ermittelt jeweils Kontaktpersonen. Diese werden ebenfalls in häusliche Isolation versetzt.

Der Zweckverband Abfallwirtschaft Südwestsachsen (ZAS) schließt zum Schutz seiner Kunden und seines Personal ab Freitag alle Wertstoffhöfe im Erzgebirgskreis bis auf Weiteres. An den Müllumladestationen in Annaberg, Aue und Niederdorf werden nur registrierte Gewerbetreibende nach Voranmeldung abgefertigt. Auch stationäre Schadstoffsammlungen entfallen laut ZAS.

Zum Eindämmen des Corona-Virus sind alle Veranstaltungen und Kurse des Kulturbetriebs des Erzgebirgskreises bis vorerst 20. April abgesagt worden. Bereits erworbene Tickets können zurückgegeben werden. Der Kartenpreis wird erstattet. Formulare dafür sollen ab 1. April im Internet auf www.kultour-erz.de sowie auf der Internetseite der jeweiligen Einrichtung zu finden sein. Über Kurse wird laut Kulturbetrieb einzeln entschieden und das den Teilnehmern mitgeteilt.

Der Erzgebirgsverein verschiebt wegen der Corona-Krise die für April in Annaberg und Schneeberg geplanten 27. Erzgebirgischen Jugendkulturtage. "Wir übernehmen mit dieser Entscheidung Verantwortung für alle Heimatfreunde, vom Nachwuchs bis zu den Großeltern", so die 1. Bundesvorsitzende Gabriele Lorenz. Wenn möglich, sollen die Jugendkulturtage im Herbst nachgeholt werden. (kjr)


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