Kleine Runde - große Emotionen

Im ersten Gottesdienst nach wochenlanger Pause ging Gornaus Pfarrer Uwe Büttner gezielt auf die Corona-Krise ein. Symbolisch hatte er die Lasten sogar mitgebracht.

Gornau.

Schon unzählige Gottesdienste hat Uwe Büttner hinter sich. Doch dieser ist ein ganz besonderer für ihn. Nicht, weil der Pfarrer an diesem Sonntagvormittag mit großen Kartons in die Gornauer Kirche tritt. Sondern weil die Situation, in der er damit eine wichtige Botschaft vermitteln will, so schwierig ist. Angst, Verzicht und Streit steht groß auf seinen Mitbringseln geschrieben - ebenso wie Verlust und Stress auf den anderen beiden der insgesamt fünf Pakete. Symbolisiert sind damit Lasten, mit denen Menschen in Zeiten der Corona-Pandemie leben müssen - auch Büttner selbst.

Seinen 60. Geburtstag hat der Pfarrer gerade in ganz kleiner Runde gefeiert. Nun, da er zum ersten Mal seit Wochen wieder zu einer Predigt vor den Altar tritt, ist die Zahl der erschienenen Personen nicht viel größer. Dort, wo seinen Worten sonst zwischen 80 und 120 Personen lauschen, sitzen diesmal nur neun Zuhörer. 15 wären erlaubt gewesen, doch gerade für die zur Risikogruppe gehörenden älteren Menschen sowie für die jungen Familien mit wuseligen Kindern ist der Platz vor dem heimischen Fernsehbildschirm wohl gerade am besten geeignet. Dass eine "ungeahnte Symbiose" zwischen dem regionalen Fernsehen und den Pfarrämtern der Region entstanden ist, sei "ein schönes Erlebnis dieser Wochen". Erst recht, weil an diesen Tagen gerade der Gottesdienst über die Bildschirme flimmert, der wenige Tage zuvor von Vertretern des Fördervereins der evangelischen Jugend in Gornau aufgezeichnet worden war.

Die Kameras sind inzwischen wieder verschwunden. Wo am Dienstag auf den Aufnahmeknopf gedrückt worden war, steht Uwe Büttner nun wieder persönlich. Er fand es schon gut, dass bei der TV-Aufzeichnung einige Versprecher nicht herausgeschnitten wurden, was den Beitrag authentischer wirken lässt. Doch letztlich kann in den Augen des 60-Jährigen nichts das ersetzen, was "in direkten Begegnungen emotional passiert". Und so freut er sich über diejenigen, die sich für diesen Gottesdienst per Telefon angemeldet haben. Die Prozedur, die so auch in den kommenden Wochen ablaufen wird, brachte nicht so viele Teilnehmer, dass ein zweiter Gottesdienst notwendig geworden wäre. Doch auch über neun Gäste freut sich Büttner sehr, vor allem über die drei Konfirmanden. "Auch ihr habt etwas opfern müssen", richtet sich der Pfarrer in seiner Andacht speziell an die drei jungen Leute. Dass sie ihre Konfirmation vorerst nicht groß feiern können, sei ein Beispiel für den Verzicht in dieser Corona-Krise - ähnlich wie das anstrengende Homeoffice für den Stress. "Die emotionale Temperatur ist derzeit etwas erhöht", weil auch Angst, Streit und Verlust zu dem beitragen, was Büttner "ein erhebliches Spannungsfeld" nennt.

Sein Rat an die Besucher: sich dieser Lasten in Gebeten erleichtern. Auch im Fall jener, die keine Zuflucht in der Religion suchen, hält er klärende Gespräche ohne belastende Emotionen für eine gute Lösung. Aber in einer Zeit, in der sich nicht einmal Wissenschaftler einig und Politiker um ihre Entscheidungsmacht nicht zu beneiden sind, "bleibt es schwierig", so Büttner. Auch er selbst muss erst testen, um die beste Lösung zu finden. So funktioniert der Mund- und Nasenschutz, den er in Gornau verwendet, wesentlich besser als der, den er zuvor beim Gottesdienst in Witzschdorf trug: "Da fühlte ich mich wie hinter Milchglas." Dies änderte aber nichts daran, dass er auch dort mit seinen Worten den Menschen Mut und Hoffnung geben konnte.


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