Landratsamt: "Wir reden hier über schwere Fälle"

Abteilungsleiter Frank Reißmann reagiert auf Kritik des Landesfrauenrates und lehnt Frauenschutzhaus weiter ab

Annaberg-Buchholz.

Seit Monatsbeginn hält der Landkreis seine erste eigene Notunterkunft vor. Eine zweite soll demnächst folgen. Für den Landesfrauenrat ist das nicht genug. Statt einer Wohnung plädiert er nach wie vor für ein Haus - so wie es fast alle Landkreise in Sachsen vorhalten. Andreas Luksch sprach dazu mit dem zuständigen Abteilungsleiter im Landratsamt Frank Reißmann.

"Freie Presse": Ist die erste Schutzwohnung bereits belegt?


Frank Reißmann: Nein, zum Glück nicht.

Kein Bedarf?

Wir halten die Wohnung für Notfälle vor. Aber derzeit ist uns kein einziger bekannt, der einen Bezug notwendig macht.

Der Landesfrauenrat geht aber davon aus, dass der Erzgebirgskreis sogar mehr Kapazitäten, am besten in einem Frauenschutzhaus, vorhalten müsste.

Dagegen sprechen jedoch alle bisherigen Zahlen und Erfahrungen. Zudem halten wir ja nicht nur die eine Wohnung vor. Im vierten Quartal soll eine zweite folgen. Beide Wohnungen sind ein zusätzliches Angebot des Erzgebirgskreises. Denn auch künftig können von Gewalt betroffene Frauen und Kinder auch in den Schutzhäusern in Zwickau, Chemnitz und Freiberg Zuflucht finden. Manche Frauen wünschen sich sogar eine möglichst große Entfernung von ihrem Wohnort, um etwa Nachstellungen der gewalttätigen Partner so lange wie möglich entgehen zu können.

Trotzdem: Warum hält der bevölkerungsreichste Landkreis Sachsens kein eigenes Frauenschutzhaus vor? Wurde es zumindest in Erwägung gezogen?

Ja, auch dazu gab es Gespräche. Doch aufgrund der räumlichen Größe des Erzgebirgskreises halten wir die jetzige Variante für besser. Sie eröffnet von Gewalt Betroffenen mehr Spielraum. Und falls sich abzeichnet, dass wir mehr Kapazitäten benötigen, könnten in Zukunft durchaus weitere Wohnungen hinzukommen. Dafür sollten wir aber zunächst Erfahrungen sammeln. Außerdem ist der Standort einer Schutzwohnung besser geheim zu halten als ein Schutzhaus.

Der Landesfrauenverband bezweifelt, dass bei einer solchen Zersplitterung die Betreuung durch Fachkräfte gesichert ist. Können Sie das entkräften?

Gute Betreuung hat bisher durch die enge Zusammenarbeit mit den Frauenschutzhäusern im Umkreis sowie unseren eigenen Fachkräften in der Kreisverwaltung funktioniert. Mit im Boot haben wir auch die Interventions- und Koordinierungsstelle zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und Stalking in Chemnitz. Bislang ist kein Fall bekannt, dass Betroffenen nicht fach- und sachgerecht geholfen werden konnte.

Warum gibt es keine öffentlich bekannte Notrufnummer, bei der von Gewalt Betroffene ohne Umweg ihre Nöte schildern können. Gibt es wirklich keine Notrufnummer?

Doch, sonst würde das System ja nicht funktionieren. Von Gewalt Betroffene sollten sofort die Polizei oder unsere Rettungsleitstelle informieren - also die 110 oder die 112 anrufen. In allen vier Polizeirevieren im Kreis, aber auch in unserer Rettungsleitstelle ist die Notrufnummer hinterlegt. Von dort aus werden dann die Experten hinzugezogen, die sich mit Betroffenen in Verbindung setzen: umgehend, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Auch dafür gibt es schließlich ein Diensthabendensystem. Manchmal reicht ja schon ein Gespräch, manchmal ein Rat. Und wenn etwa eine Schutzunterkunft benötigt wird, dann kann sie durch unser Netzwerk schnell vermittelt werden.

Warum sollen Betroffene immer gleich bei der Polizei anrufen? Könnte man das nicht niedriger aufhängen, um diese Hemmschwelle zu nehmen?

Moment, wir reden ja über schwere Fälle. Und häusliche Gewalt sollte sofort verfolgt werden. Sie ist ein Straftatbestand. Allein die Polizei kann den gewalttätigen Partner der Wohnung verweisen. In anderen Fällen können sich Betroffene gern unter anderem an die Fachkräfte in unserem Amt wenden.

Kritisiert wird vom Landesfrauenverband auch, dass die Betroffenen für die Unterbringung in einer Schutzwohnung zahlen müssen.

Falls die Betroffenen Sozialhilfe oder Grundsicherung erhalten, müssen sie nichts zusätzlich zahlen. Das regeln wir hier im Amt. Wir machen jedoch dem gewalttätigen Partner ein Stück weit Druck, etwa indem wir dann bei den Mietzuschüssen entsprechend kürzen. Dann hat er ein Problem - und findet so vielleicht zur Vernunft zurück. Dass Betroffene, mit eigenem Einkommen, an den Kosten beteiligt werden, ist gängige Praxis - und sicher auch gerechtfertigt.

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