Liebhaber fürs Pawlow-Haus gefunden

Über 20 Jahre steht das ehemalige Wismut-Sanatorium in Warmbad leer. Seit Anfang 2020 gibt es einen neuen Besitzer und Zukunftspläne. Ein wichtiger Teil des Hauses kann aber nicht gerettet werden.

Warmbad.

Kamera läuft. Gedreht wird das dritte Video in der Freie-Presse-Reihe "Unentdeckte Orte", die in diesem Coronajahr virtuell zu erleben sind. Das Filmteam ist diesmal nach Warmbad in das frühere Wismut-Sanatorium gekommen. Das Haus hat viele Besonderheiten. Eine ist der große Saal mit 400 Plätzen und einer riesigen Bühne. Auf der steht Wolfram Liebing, breitet die Arme aus und sagt in die Kamera: "Ich begrüße Sie zur vielleicht letzten Vorstellung hier im Saal des Pawlow-Hauses in Warmbad!"

Der Bürgermeister von Wolkenstein - und damit auch vom Ortsteil Warmbad - weiß, wovon er spricht. Das Haus ist seit vielen Jahren eines seiner Sorgenkinder. Seit über 20 Jahren steht das Haus leer - was man ihm auch ansieht. Vor allem hier im Saal. An den Wänden bröckelt der Putz. Die Decke ist so löchrig, dass man die Dachkonstruktion sieht. Ab und an schweift der Blick bis zum Himmel. "Der Saal ist nicht zu retten, hier wird der letzte Vorhang fallen", sagt Liebing, durchaus mit etwas Wehmut in der Stimme. Schließlich hat hier nicht nur das Wismut-Orchester regelmäßig geprobt und gespielt, hier sind auch viele Schlagerstars aufgetreten, hier gab es Kino- und Theatervorstellungen. "Der Saal war ein kulturelles Zentrum im Erzgebirge, offen für Kurgäste und Bevölkerung", sagt Liebing. Dennoch hat er Verständnis für den Abriss. Ein Erhalt wäre einfach zu teuer. Wichtiger ist dem Bürgermeister, dass das geschichtsträchtige Haus insgesamt eine Zukunft bekommt.

Errichtet wurde es von 1951 bis 1954 von der SDAG - also von der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut - als Bergarbeitersanatorium mit eigener heißer Quelle im Keller. Bürgermeister Liebing geht davon aus, dass die Wismut auch für die Namensgebung "Pawlow-Haus" verantwortlich ist. "Erinnert wird mit dem Namen meines Wissens nicht an den Mediziner und Nobelpreisträger Iwan Petrowitsch Pawlow und seinen Hund, sondern an den Feldwebel Jakow Pawlow. Der hatte ein Haus im Zentrum Stalingrads 1942 von den Nazis zurückerobert und zwei Monate lang verteidigt", sagt Liebing.

Die Wismut war aber nicht nur für die Namensgebung wichtig, sondern auch für die Gestaltung. Und der sieht man an, dass die Wismut Geld hatte: Das Haus ist leicht bogenförmig errichtet. Holzbalkone, Dachgauben und Fachwerkelemente lockern die Fassade ebenso auf wie ein kleiner Uhrturm und ein Pavillon. Auch im Inneren wurde eher geklotzt als gekleckert. Säulen und ein Wandbild prägen das großzügige Foyer. Alle Türen und Fenster sind in Stein gefasst, in vielen Räumen liegt Eichenparkett.

Doch dieser besondere Charme schützte es nach der Wende nicht davor, dass es leergezogen und verkauft wurde. "Die Bundesknappschaft übernahm das Sanatorium als Institution, wollte aber eine neue, moderne Klinik, die dann auch gebaut wurde", sagt Wolfram Liebing. Das Pawlow-Haus wurde an die Anerkannte Schulgesellschaft Sachsen verkauft. Die hatte laut Bürgermeister durchaus Ideen für eine Weiternutzung, doch wegen geänderter Förderbedingungen seien diese letztlich nicht realisiert worden - und das Haus stand Jahr um Jahr leer. Zwischenzeitlich gab es mal Hoffnung auf einen Investor aus Österreich. Sie zerschlug sich.

Anfang dieses Jahres aber hat das Pawlow-Haus nun tatsächlich den Eigentümer gewechselt. Und dabei hat der Charme des Hauses durchaus wieder eine Rolle gespielt. Die Einzigartigkeit des Gebäudes war es, die Familie Kumberger aus Kobermoor bei Rosenheim in Bayern dazu veranlasst hat, das Haus zu kaufen. Das jedenfalls sagt Gregor Kumberger, der gemeinsam mit seinem Sohn und dessen Frau in Kobermoor das Seniorenheim Lohholz betreibt und seit 2012 im Erzgebirge aktiv ist. Über eine Immobilienanzeige im Internet sind Kumbergers auf die Villa Primavera in Olbernhau gestoßen, die sie bis 2018 saniert haben. Eigentlich wollten sie die Wohnungen, die in dem Haus entstanden sind, vermieten. Doch bis heute nutzen sie diese selbst. Mittlerweile hat Sohn Gregor Kumberger junior eine weitere Villa saniert. Und schließlich hat das Annaberger Immobilienbüro Hersieg die Familie auf das Pawlow-Haus aufmerksam gemacht. "Ich habe bei den Kumbergers ein wirklich gutes Gefühl", sagt Hersieg-Geschäftsführer Mike Siegel. "Aus meiner Sicht ist es ausgesprochen mutig, in so einer Zeit ein solches Projekt mit privaten Mitteln voranzutreiben."

Entstehen soll laut Gregor Kumberger ein Vier-Sterne-Hotel mit insgesamt 79 Zimmern und 134 Betten. Dabei sollen so wenige Veränderungen wie möglich vorgenommen werden, um den Charme des Hauses zu erhalten. So werden zwar einige nichttragende Wände weichen, um die nötigen Zimmergrößen zu erhalten. Die Mansarden, die Gauben, die Holzbalkone, und auch die alten zweiflügeligen Türen und die Steineinfassungen an Türen und Fenstern sollen aber saniert bzw. wieder aufbereitet werden. Auch der Pavillon soll wieder als Café genutzt werden. Was das Ganze kosten wird, dazu wollen sich Kumbergers nicht in der Öffentlichkeit äußern. "Ich kann aber versichern, dass wir das ganze Projekt sehr realistisch angehen und unsere Erfahrungen voll einbringen", sagt Gregor Kumberger. Da man aber auch die eigenen Grenzen kenne, sei heute schon klar, dass man das Haus nicht selbst betreiben könne. "Wir suchen einen Pächter."

Doch derzeit stehen die Bauarbeiten im Fokus, die nach den Planungen der Eigentümer noch zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen werden. In der Zeit hofft die Familie, dass vielleicht auch das eine oder andere Detail, das in letzter Zeit verschwunden ist, wieder auftaucht. "Kumbergers sind zum Beispiel sehr an den originalen Türgriffen interessiert", sagt Mike Siegel. "Wir wollen gar nicht wissen, wer die abgeschraubt hat", fügt Bürgermeister Liebing hinzu. "Einfach einpacken und im Rathaus abstellen!"

Entdeckertour: In einem Video stellen wir Ihnen das Pawlow-Haus ausführlich vor.

Spezial: Unentdeckte Orte

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