Mit diesem "Arschwärmer" feierte DKW den ersten Sieg

Vor fast genau 100 Jahren fuhr ein Berliner in Dresden mit seinem Fahrrad, das von einem Zweitaktmotor aus Zschopau angetrieben wurde, der Konkurrenz auf und davon.

Zschopau.

Unter den Arbeitern der Zschopauer Maschinenfabrik dürfte am Montagvormittag im Oktober 1920 die Erfolgsmeldung schnell die Runde gemacht haben. Tags zuvor stand zum ersten Mal auf deutschem Boden der Fahrer eines Zweirads mit einem Motor aus dem Werk im Dischautal oben auf dem Siegertreppchen. Max Hucke aus Berlin gewann am ersten Oktober-Wochenende 1920 ein Motorradrennen auf der Radrennbahn in Dresden-Reick.

"54 Fahrer, auch aus der Schweiz, mit ihren schon berühmten und erfolgreichen NSU-, Wanderer-, Motosacoche- und Indian-Maschinen hatten sich für die hervorragend besetzten Motorradwettbewerbe des ADAC in Dresden gemeldet", schreibt der Motorsportjournalist Steffen Ottinger aus Frankenberg in seinem Buch "DKW Motorradsport 1920 - 1930".

"Das Eröffnungsrennen des Sonntags war für Fahrrad-Hilfsmotoren über die Distanz von fünf Kilometern ausgeschrieben", heißt es in dem 2009 erschienenen und reichlich bebilderten Werk weiter. "Hucke benötigte für die Distanz 4:59 1/5 Minuten, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 60 Kilometer pro Stunde entsprach. Der Berliner distanzierte den Zweitplatzierten um 260 Meter."

Dieser sowie die Fahrer auf den Rängen 3 und 4 waren mit in München gebauten Flottweg-Hilfsmotoren unterwegs, die über dem Vorderrad angebracht waren. Der DKW-Fahrer hingegen hatte das Rennen mit einem Hilfsmotor bestritten, der mit einer Stützgabel liegend über dem Hinterrad seines Fahrrades angebracht war. Diese Montage brachte dem neuen Flitzer aus dem Erzgebirge später im Volksmund den Beinamen "Arschwärmer" ein.

Der Erfolg gab Firmenchef Jørgen Skafte Rasmussen (1878 - 1964) recht. Der DKW-Gründer hatte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1918) die Arbeit an dampfgetriebenen Fahrzeugen aufgegeben und sich stattdessen Verbrennungsmotoren zugewandt. Die Erfolgsmaschine von Dresden-Reick war ein ursprünglich als Spielzeug konzipierter Zweitakt-Kleinmotor ("Des Knaben Wunsch") mit 18 Kubikzentimetern Hubraum und 0,25 PS. Rasmussen kurbelte dessen Weiterentwicklung an. Das Ergebnis: ein Fahrrad-Hilfsmotor mit 118 Kubik und einer Leistung von 1 PS.

1919 wurde der Motor auf der Leipziger Messe vorgestellt und ab 1921 in Zschopau in Serie gebaut. "Rasmussen wusste um die Werbewirksamkeit und den damit verbundenen absatzfördernden Effekt von Motorradrennen und schickte den neu konstruierten Hilfsmotor auf die Strecke", sagt Daniela Sadowski, die Leiterin des Motorradmuseums im Schloss Wildeck in Zschopau.

Zwei Wochen vor dem Sieg an der Elbe soll Hucke bereits ein Rennen an der Nordsee in Den Haag in den Niederlanden gewonnen haben. Am 1. Mai 1921 triumphierte der Berliner dann auch bei einem Rundenrennen auf dem Betonoval der Radrennbahn in Chemnitz-Altendorf. Mit diesen und anderen Erfolgen sowie dank einer grandiosen Werbestrategie ("Das kleine Wunder fährt Berge rauf wie andere runter") seien im ersten Produktionsjahr bereits 10.000 Hilfsmotoren ausgeliefert worden, so die Mitarbeiterin des Kultur-/Tourismusbetriebs der Stadt Zschopau weiter.

Während der 20.000. "Arschwärmer" einen festen Platz in der DKW-Abteilung im ersten Obergeschoss des Motorradmuseums hat, ist das komplette Fahrrad mit Hilfsmotor derzeit außer Haus. "Aktuell ist es in der sächsischen Landesausstellung Boom in Zwickau zu bewundern, bis es am Ende des Jahres wieder zu uns nach Hause ins Schloss Wildeck kommt", sagt Daniela Sadowski.

Wie die von Max Hucke eingeläutete "beispiellose Motorsportgeschichte für DKW", des einst weltgrößten Motorradherstellers weiterging, steht auf den 128 Seiten von Steffen Ottingers Buch. Denn der 68-Jährige war nicht nur über drei Jahrzehnte mit Kamera und Notizblock bei Enduro- und Motocross-Wettbewerben im In- und Ausland unterwegs, sondern stöberte auch in den Archiven der Motorsport-Historie. Neben Büchern wie "Rund um Zschopau. Die Geschichte einer Motorradgeländefahrt" oder "Internationale Sechstagefahrt 2012 - Die Geschichte seit 1913" entstand so auch "DKW Motorradsport 1920 - 1939".

Und Ottinger macht Appetit auf mehr: "Hucke war es auch, der gemeinsam mit der DKW-Mannschaft auf den kleinen Maschinchen 1921 die erste ADAC-Reichsfahrt gewann. Das war ein riesiger Erfolg der Zschopauer Fabrik. Diese Motorräder, ab 1922 in Serie gefertigt, erhielten den Namen ,Reichsfahrt-Modell'. Damit begann die eigentliche Motorradproduktion in Zschopau ..."

Die Landesausstellung "Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen" findet noch bis zum 31. Dezember 2020 statt. Die Zentralausstellung im Audi-Bau in Zwickau, Audistraße 7, ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

00 Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.