Mobilität als Tür zurück ins Leben

Der schwerst mehrfach behinderte Tim Grund kann die Wohnung kaum noch verlassen, weil sein Spezialrollstuhl für das Auto zu groß ist. Seine Mutter und Pfleger hoffen auf Spenden der Aktion "Leser helfen".

Zschopau.

Eigentlich hilft sie lieber anderen, als selbst Unterstützung in Anspruch zu nehmen, sagt Mandy Grund. Nicht nur von Berufs wegen - die gelernte Hotelfachfrau arbeitet als Serviererin in der Knappschafts-Klinik Warmbad -, sondern auch privat: Sie hat sich für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei typisieren lassen, sich mehrere Jahre lang ehrenamtlich am Kindersorgentelefon den Nöten anderer gewidmet. Und sie weiß, wie es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein. Ihr Sohn Tim wird seit 2010 von Pflegekräften betreut - erst nachts, seit 2013 rund um die Uhr.

Die ganze, 59 Quadratmeter große Wohnung, in dem die allein alleinerziehende Mutter mit ihrem zwölfjährigen Sohn in Zschopau lebt, ist auf Tims Bedürfnisse ausgerichtet: Im Kinderzimmer steht ein Pflegebett, quer über die Decke verläuft ein Balken, mit dem der seit seiner Geburt schwerst mehrfach behinderte Junge mit dem Lift in den Rollstuhl gehoben werden kann. Das Bad hat eine große Badewanne mit einer Hebevorrichtung, das Wohnzimmer wird von einer großen Liege-Ecke für den Jungen dominiert, die Türen wurden verbreitert, die Schwellen ausgebaut.

"Man muss sich das mal vorstellen: Rund um die Uhr sind fremde Menschen in der Wohnung, insgesamt gehen acht Pfleger dort ein und aus. Dazu kommen jede Woche Physio- und Ergotherapeuten sowie die Logopädin. Die Familie hat keinerlei Privatsphäre. Und trotzdem ist Frau Grund dankbar für jede Hilfe, vor allem jedoch für jedes Lächeln ihres Sohnes", sagt Schwester Melanie Hentschel. Die Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin der Kinderintensivpflege der Chemnitzer Heim gGmbH kennt Tim seit 2011. Die Pflegerinnen waren es auch, die Tim Grund für die Aktion "Leser helfen" der "Freien Presse" vorgeschlagen haben. "Ein Auto, in dem Tim mitsamt seinem Rollstuhl und dem Sauerstoffgerät befördert werden könnte, würde dem Jungen ein großes Stück Lebensqualität zurückbringen, wie er sie schon lange nicht mehr hat", ist sich die Pflegerin sicher.

Auch Mandy Grund würde sich freuen, ihrem Sohn die Tür nach außen im wahrsten Sinne des Wortes öfter aufstoßen zu können: "Soziale Kontakte und neue Eindrücke wären ein richtiger Gewinn für meinen Tim, der immer ruhig und ausgeglichen ist."

Als Tim im September 2007 geboren wurde, deutete nichts darauf hin, dass er krank sein könnte. "Die Schwangerschaft verlief völlig normal, alle Untersuchungen waren ohne Beanstandungen, auch bei der Geburt vier Tage vor dem errechneten Termin gab es keine Komplikationen. Geburtsgewicht und Größe waren mit 3070 Gramm und 53 Zentimetern völlig normal. Und dennoch hatte ich schon in den Tagen im Krankenhaus das eigenartige Gefühl: Da stimmt was nicht mit meinem Kind. Er hat nur geschlafen, nicht von selbst getrunken, musste anfangs mit einer Pipette gefüttert werden. Ich habe Ängste entwickelt, wie ich sie vorher nie kannte. Doch auf meine Bedenken erhielt ich immer nur eine Antwort: Das wird schon", erinnert sich die 45-Jährige.

Doch die Schluckprobleme blieben, Tim nahm nur langsam zu. Nach einem halben Jahr erhielt Mandy Grund die Bestätigung, dass ihr Tim kein gesundes Kind ist. Beim ersten, wochenlangen Aufenthalt im Annaberger Krankenhaus kamen erste epileptische Anfälle hinzu. Nach Untersuchungen in der Dresdner Universitätsklinik und der anschließenden Betreuung in der Rehaklinik Kreischa wusste die junge Mutter zumindest, wie schwer krank ihr Junge ist: unter anderem ein zu kleiner Kopf, mangelnde Muskelspannung, ein unterentwickeltes Kleinhirn, Schluckstörungen, chronische Lungenentzündung, Epilepsie - Ursache unklar. "Ich weiß es bis heute nicht, ob möglicherweise ein Gendefekt oder eine Stoffwechselerkrankung vorliegen", sagt Mandy Grund. "Und ich zweifle und frage mich noch immer: Was habe ich falsch gemacht?"

Im Kindergarten habe Tim noch den Kopf heben, sich drehen, nach Gegenständen greifen und diese fixieren können, aber auch das ist ihm heute nicht mehr möglich. Der Zwölfjährige kann nicht stehen, laufen, frei sitzen und auch nicht sprechen. Die Zschopauerin erinnert sich dennoch gern an die Zeit, die ihr Sohn mit anderen Kindern in der Tagesstätte verbrachte: "Er hat auf sie reagiert, mitunter richtig Spaß gehabt, die Gesellschaft genossen."

In den wenigen Stunden am Tag, in denen Tim richtig munter ist, sitzt er gern auf dem Balkon. "Er hat schon bei den Ausflügen früher jedes Geräusch, jede Sinneswahrnehmung freudig aufgenommen - sogar das Brummen von Rasenmähern - und hat mitunter gelächelt. Das ist auch jetzt auf dem Balkon noch so. In diesen Augenblicken piept komischerweise kein Monitor, der Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung überwacht", hegt auch Schwester Melanie große Hoffnung, dass Tim mit mehr Mobilität ein wenig Lebensqualität zurückgewinnt. Und sie denkt noch ein Stück weiter: "Dann wäre beispielsweise eine Therapie im Wasser möglich, die hat ihm schon bei der Frühförderung gut getan. Diese würde seine körperliche Beweglichkeit verbessern helfen."

SPENDEN FÜR Tim können Sie auch direkt überweisen auf folgendes Konto: Verein "Leser helfen", IBAN: DE47 8709 6214 0224 4224 40, Stichwort - Tim - oder unter: www.freiepresse.de/leserhelfen

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