Pflegehelfer: Viel Idealismus, viel Arbeit, häufig wenig Geld

Sie baden, sie betreuen, sie hören zu, sie kümmern sich - Pflegehelfer sind ein wichtiger Teil jedes Seniorenheimes. Doch wie der Beruf ausgebildet wird, ist kaum geregelt.

Zschopau.

Birgit Kubitzas Job ist es, dem Leben älterer Menschen ein Stück Selbstverständlichkeit zurückzugeben: das tägliche Bad. So auch der 82-jährigen Hannelore Haase. Birgit Kubitza hilft der Bewohnerin des Zschopauer Seniorenzentrums in die Badewanne, sie frisiert sie, sie kümmert sich um ihre Wäsche, bezieht ihr Bett neu. Sie stützt, sie packt zu und sie unterhält sich. "Das ist mir der liebste Teil an meiner Arbeit. Es bleibt etwas Zeit, um zu reden, auch wenn es nicht viel ist", berichtet Birgit Kubitza.

Insgesamt sechs Bewohnern hilft die Großrückerswalderin täglich pro Schicht bei dem, was sie nicht mehr allein können. Die heute 60-Jährige tut das beruflich seit Mai dieses Jahres, nachdem sie bereits ihre Mutter gepflegt hatte. Nach einem Leben als Informatikerin und Lehrkraft in Fortbildungsmaßnahmen ist die offenherzige Frau mit 58 Jahren arbeitslos geworden - und hat den Neuanfang gewagt. "Ich hätte den Kopf in den Sand stecken können. Aber dafür bin ich nicht der Typ", sagt sie mit einem Lächeln.

Birgit Kubitzas Beruf hat viele Namen: Pflegehelferin, Pflegeassistentin, Pflegehilfskraft. Fast die Hälfte der rund 586.000 Beschäftigten in der Altenpflege in Deutschland sind Hilfskräfte. Das geht aus dem aktuellen Arbeitsmarktbericht der Bundesagentur für Arbeit hervor. Es ist ein Beruf, der immer wichtiger wird, der aber wenig Anerkennung erfährt. Das beginnt schon damit, dass es nur drei Bundesländer gibt, in denen Altenpflegehelfer ein gesetzlich geregelter Fachberuf mit entsprechender einjähriger Ausbildung ist. Sachsen gehört nicht dazu.

Birgit Kubitza ist eine von insgesamt 74 Pflegehelfern, die ihre zehnmonatige Ausbildung beim Euraka-Bildungsverein in Zschopau abgeschlossen haben. Seit 2011 wird die Fortbildung in der Motorradstadt angeboten. Derzeit werden neun Teilnehmern die nötigen Kenntnisse in zwei Theorieblöcken vermittelt - Zusatzqualifikationen zur Behandlung und Betreuung der Senioren sowie zwei Praktika in Pflegeeinrichtungen gehören außerdem zum Programm. So kam Birgit Kubitza zum Zschopauer Seniorenzentrum. Bei einigen Anbietern dauert die Umschulung nur wenige Wochen. Dass das eine angemessene Vorbereitung auf ihren Beruf ist, kann sich Birgit Kubitza nicht vorstellen.

Viele ihrer Mitarbeiter seien Quereinsteiger, berichtet Kerstin Hasler, Einrichtungsleiterin des Zschopauer Seniorenzentrums, einer Einrichtung in freier, gemeinnütziger Trägerschaft. Mit dem Wirrwarr auf dem Ausbildungsmarkt geht die Leiterin pragmatisch um. Wichtig seien die Einstellung und das Interesse am Beruf. Wer das mitbringe, könne den Rest in der Praxis dazulernen. Richtig sei aber auch, dass die Qualifikation Einfluss auf die Höhe des Einstiegsgehalts nach dem geltenden Haustarifvertrag habe.

Das Heim- und Sozialwesen ist einer der am stärksten wachsenden Jobmärkte in der Region. Im zweiten Halbjahr 2015 ist die Zahl der Beschäftigten im Kreis in der Branche um 517 gestiegen - nur die Metallindustrie ist stärker gewachsen. Das geht aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervor. In vielen Kommunen im Kreis entstehen immer neue Pflegeplätze - zuletzt in der ehemaligen Zschopauer Berufsschule und am Marienberger Markt.

Immer häufiger vereinbarten Träger Haustarifverträge mit niedrigen Löhnen kritisierte Ralf Hron, Regionalchef für Südwestsachsen beim Deutschen Gewerkschaftsbund, schon im vergangenen Jahr im Gespräch mit "Freie Presse".

Die Pflege ist personalintensiv. Wie viel davon nötig ist, ist gesetzlich aber nicht geregelt. Seit 2006 ist das Heimrecht Sache der Länder. Sachsen schreibt Heimbetreibern eine Fachkraftquote von 50 Prozent vor - in Nachtschichten muss mindestens eine Pflegefachkraft anwesend sein. Einen gesetzlich geregelten Personalschlüssel gibt es in der Altenpflege bis heute nicht. Und so verhandelt jeder Heimbetreiber einzeln mit den Pflegekassen, wie viel Personal je Heimbewohner und Pflegestufe anwesend sein muss. Der Kostendruck komme vor allem von den Pflegekassen, berichtet Kerstin Hasler.

Ab Januar tritt das Pflegestärkungsgesetz II in Kraft. Dann soll nicht der nötige Zeitaufwand, sondern der Grad der Selbstständigkeit einer Person darüber entscheiden, welchen Pflegebedarf sie hat. Kerstin Hasler hofft, dass ihr die Kassen dann mehr Personal als bisher zugestehen.

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3Kommentare
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    DerKuckuck
    07.09.2016

    Von einem fetten Kuchen kann nicht die Rede sein. Sicherlich wird ein Geschäftsinhaber sich mehr als der Mitarbeiter bezahlen, er trägt auch das ganze Risiko. Und eine Goldgrube ist das Pflegeheim erst wenn ich vom Personal und der Qualität auf Minimum fahre wie es die großen Ketten tun. Aber sie werdens mir eh nicht glauben.

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    Stefan1
    06.09.2016

    @DerKuckuck, nur den Kassen den schwarzen Peter zu zuschieben finde ich, ist zu leicht, ich kenne keinen privaten Pflegedienst, wo der Inhaber am Hungertuch nagt. Natürlich muss man vom fetten Kuchen auch seinen Angestellten etwas abgeben. Mein Chef in Bayern hat immer gesagt, ein Pflegeheim ist wie eine Goldgrube.

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    DerKuckuck
    06.09.2016

    Na mit Sicherheit wird es nicht zu mehr Personal führen. Wieviel ich Personal einsetze bleibt mir überlassen es gibt nur eine Untergrenze. Es geht schlicht ums Geld. Und das neue Gesetz bringt nur mehr Spielraum für die Kassen. Also darf man ruhig zweifeln, dass sich da was ändert. Die Bezahlung des Personals hängt von der Krankenkasse ab. Da in der Branche absoluter Fachkraftmangel herrscht sind die Löhne schon am oberen machbaren Limit der Betriebe, die sich gegenseitig überbieten müssen um genug Personal zu bekommen.



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