Planmäßiger Ausfall in neun Fächern

Wenn Lehrer fehlen, wird der Stundenplan gekürzt. An der Oberschule Lengefeld muss besonders häufig zum Rotstift gegriffen werden.

Zschopau/Marienberg.

Wegen Lehrermangels muss an der Oberschule Lengefeld seit Monaten der Stundenplan gekürzt werden. Seit Schuljahresbeginn fällt deshalb Woche für Woche der Unterricht in insgesamt neun Fächern aus: Deutsch, Geschichte, Englisch, Gemeinschaftskunde, Ethik, Religion, Kunst sowie Wirtschaft-Haushalt/Soziales und Technik/Computer. "Planmäßig", wie es aus dem Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) in Chemnitz heißt.

Einer Statistik des Sächsischen Kultusministeriums nach war dieser planmäßige Unterrichtsausfall im November 2018 landesweit an knapp 400 Schulen der Fall. Auch im Erzgebirge. Etwa an den Grundschulen Gornau und "Am Zschopenberg" Zschopau sowie am Gymnasium Marienberg, wo die Stundentafel in jeweils vier Fächern nicht eingehalten werden konnte. Die Lengefelder Oberschule zählte mit neun planmäßigen Ausfallfächern zur Spitzengruppe. Nicht berücksichtigt in der Statistik ist außerplanmäßiger Ausfall, weil Lehrer krank, zur Kur oder wegen der Krankheit eigener Kinder nicht verfügbar sind. Bisher kamen zu den Fehlzeiten deshalb im Landesdurchschnitt 16 Ausfalltage pro Lehrer und Jahr hinzu.

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An den personellen Problemen an den sächsischen Schulen habe sich seit Herbst nichts geändert, teilt das Landesamt auf Anfrage mit. Ursachen für den planmäßigen Unterrichtsausfall seien der allgemeine Lehrermangel und Langzeiterkrankungen. In Lengefeld gestalte sich die Situation aufgrund der Ausbildung von Seiteneinsteigern noch dramatischer - vorübergehend sind zwei weitere Stunden Ausfall im Fach Englisch dazugekommen. "Schulleitung und Lehrer sind bemüht, die Pläne so zu gestalten, dass kein Fach komplett ausfällt, sondern nur Stundenkürzungen erfolgen", erklärt Lasub-Referentin Michaela Bausch. In den beiden Abschlussklassen - die Zehner stehen kurz vor den Prüfungen - gebe es, außer im Wahlbereich, keinerlei Kürzungen.

In der Klassenstufe 7 fallen pro Woche je eine Stunde Religion und Ethik sowie zwei Stunden Geschichte planmäßig aus, so Bausch. Bei den Fünfern wurden zwei Englischstunden gestrichen. In der Klassenstufe 9 mussten Kürzungen in Gemeinschaftskunde (2 Stunden) und Geschichte (1) vorgenommen werden.

Kann unter diesen Umständen der Lehrplan überhaupt noch eingehalten werden? Die Mitarbeiterin der Behörde beschwichtigt: "Der Lehrplan in den einzelnen Fächern hat, gemessen an der vorgeschriebenen Gesamtstundenzahl im Schuljahr, immer noch eine Reserve. Die Lehrkräfte gestalten den Unterricht so, dass alle geforderten Themen behandelt werden. Der Lehrplan wird eingehalten. Aber es kann vorkommen, dass Übungsphasen verkürzt werden müssen." Die Qualität des Unterrichts leide nicht unter dem Lehrermangel, versichert Michaela Bausch: "Qualität ist nicht abhängig von der Anzahl der erteilten Stunden, sondern vom methodischen Können des Lehrers." Schulen, an denen der Unterricht in mehreren Fächern über einen längeren Zeitraum planmäßig ausfällt, erhielten personelle Unterstützung von Lehrkräften anderer Schulen. In Lengefeld betreffe das die Fächer Gemeinschaftskunde und Kunsterziehung.

Am Gymnasium Marienberg, in dem im Herbst die Stundentafel in Chemie, Physik, Musik und dem schulspezifischen Profil wegen Lehrermangels nicht eingehalten werden konnte, habe sich die Lage etwas entspannt. "Das war schon dramatisch", blickt der amtierende Schulleiter Enrico Huth zurück. Die vom Lasub abgeordneten Vertretungslehrer seien sogar aus dem Raum Chemnitz gekommen. Zur Verbesserung hätten die feste Neueinstellung einer Chemielehrerin sowie die Rückkehr eines Musiklehrers aus der Elternzeit geführt. Doch der Bedarf an Personal sei weiter da.

Das belegen auch die Zahlen des Kultusministeriums. Die nicht abgesicherten Stunden ins Verhältnis zum Regelstundenmaß gesetzt, ergaben landesweit einen Mehrbedarf von mehr als 400 Vollzeitstellen. In der Region waren laut Statistik an 16 Schulen zusammengerechnet zwölf Lehrer-Vollzeitstellen nicht besetzt. "Die ausgebildeten Bewerber für die Oberschule reichen nicht aus, den Bedarf zu decken", sagt Lasub-Referentin Bausch. Auch Seiteneinsteiger stünden nicht ausreichend zur Verfügung. Die Staatsregierung bemühe sich, Lehrer für den sächsischen Schuldienst zu gewinnen. "Dennoch wird das Problem des Lehrermangels für die Oberschulen in manchen Regionen auch mittelfristig weiter bestehen bleiben", verdeutlicht die Referentin.


Kommentar: An der Wurzel packen

Es sind zwei hässliche Gewächse, die in der sächsische Bildungslandschaft wuchern: Unterrichtsausfall und Lehrermangel. Auch wenn Bildungsminister Christian Piwarz (CDU) diesen Missstand von seinen Vorgängern "geerbt" hat, liegt die Verantwortung in seiner Behörde. Fakt ist, es fehlen Lehrkräfte. Fakt ist ebenfalls, dass mit Quereinsteigern der Bedarf nicht gedeckt werden kann. Seit Jahren liegen die Zahlen dem Lasub vor. Sie jetzt als "planmäßigen" Ausfall schönzurechnen, ist schlichtweg dreist. Das Problem muss an der Wurzel gepackt werden: Die Lehrerausbildung an den sächsischen Universitäten gehört ausgebaut. Zusagen bei Verbeamtung und Zusatzzahlungen müssen für alle Lehrkräfte einforderbar sein.

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