Poetry Slam: Junge Dichter liefern sich Wettstreit

Schüler der Martin-Andersen-Nexö Oberschule in Zschopau haben an einem besonderen Workshop teilgenommen. Dabei konnten sie viel kreative Energie freisetzen.

Zschopau.

Statt Deutsch, Mathe und Physik stand für einige Schüler der Martin-Andersen-Nexö Oberschule in Zschopau Poetry-Slam auf dem Stundenplan . "Das ist ein Dichterwettstreit, bei dem die Teilnehmer auf der Bühne ihre selbst geschriebenen Texte präsentieren. Das Publikum entscheidet demokratisch, wer der Gewinner ist", sagt Dominik Erhard. Der Redakteur der Zeitschrift "Philosophie-Magazin" leitete den Workshop im Auftrag des Magazins und der Bundeszentrale für politische Bildung.

"Es ist eine gute Gelegenheit für die Kinder, ihre Gedanken in eigene Worte zu fassen und eigene Texte daraus zu machen", sagt Cathleen Hansch, die den Workshop organisiert hatte. Die junge Frau absolviert derzeit ein Praktikum in der Sozialarbeit in der Oberschule und hatte die Bewerbung für eine Gruppe von Schülern mit Migrationshintergrund schon eine Woche nach ihrem Praktikumsbeginn eingereicht. Sie sprach im Januar zufällig als erstes mit einer Lehrerin aus einer Vorbereitungsklasse für Ausländer. Diese war von der Idee angetan: "Die Mädchen und Jungen lernen dort Deutsch, erhalten aber auch anderen Unterricht. Einige haben schon die Vorbereitungsklasse durchlaufen, sind voll integriert und nehmen am normalen Unterricht teil."

Christoph Ulrich

Ulrichs Bilanz:Der „Freie Presse“-Wirtschaftsnewsletter von Chef­korrespondent Christoph Ulrich

kostenlos bestellen

Zwölf Schüler aus dem Iran, aus Albanien, Syrien, Äthiopien, Eritrea, Bulgarien und der Ukraine lernten nun, was Poetry-Slam ist. Nach einer Einweisung durch Dominik Erhard in die Thematik sollten sie sich eine x-beliebige Überschrift aus Zeitungen und Magazinen notieren, die sie besonders ansprach. Der dazugehörige Text war völlig belanglos und nicht relevant für die weitere Vorgehensweise. Dominik Erhard stellte ihnen ein großes Spektrum zur Auswahl. Die Schüler hatten 20 Minuten Zeit, um selbst einen Text zu schreiben, der ihnen zu dieser Überschrift einfällt. Schüler Boris Yonchev wählte: "So'n Quatsch den Nächsten!" aus. "Ich habe mir erst eine Geschichte im Kopf überlegt und sie dann aufgeschrieben. Meine Verse enden daher oft auf "So'n Quatsch den Nächsten", sagt Yonchev, der sich mit den Themen Kindheit, Jugend, Schule und Zukunft auseinandersetzte. "Das Projekt ist cool. Ich fand es interessant", so der gebürtige Bulgare, der auch privat Gefallen am Reimen findet. Im Anschluss trug jeder Schüler seinen Text der Gruppe vor, bevor gemeinsam in der Runde darüber diskutiert wurde. "Es gab nach jedem Vortrag Applaus. Jeder hat sich die anderen Meinungen angehört, was man nachträglich verbessern könnte. Es wurde auch immer etwas Positives erzählt, selbst wenn ein Text mal nicht verständlich war", sagte der aus Syrien stammende Ammar Aita.

"Meine Erwartungen wurden übertroffen", freute sich Cathleen Hansch nach dem sechsstündigen Workshop. "Bei vielen Schülern wurde kreative Energie freigesetzt. Sie waren mit ganzem Herzen dabei. Einige reimen auch privat oder schreiben Tagebücher. Manche von ihnen sind in der Theater-Arbeitsgemeinschaft aktiv."

Auch Erhard sprach von einer gelungenen Veranstaltung. "Die Jugendlichen drückten ihre Gedanken und Gefühle so gut aus, wie es ging, und haben sich gegenseitig sehr ernst genommen", sagte er. "Drei der Jugendlichen haben sehr offen über das Thema Freundschaft gesprochen. Sie bilden ein Dreiergespann, seit sie sich kennen. Und ich hatte das Gefühl, dass sie das zwar alle wussten, es ihnen durch die Übungen und ihre eigenen Texte aber nochmals deutlicher geworden ist. Generell ist das Präsentieren von eigenen Texten ein sehr persönlicher Akt. Es ist erstaunlich, dass zwölf Jugendliche nach 20 Minuten Schreibzeit das Selbstbewusstsein aufbringen, sich vor die versammelte Mannschaft zu stellen und ihren Text vorzulesen", lobte der Redakteur.

Die besten zehn Texte, die im Rahmen dieser Poetry-Slam-Workshops entstehen, werden am 22. März auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Boris Yonchev hat seinen Beitrag noch ein wenig überarbeitet und seine Version für den Wettbewerb um die zehn besten Poetry-Slams eingereicht.


Jugendliche können sich mit philosophischen und politischen Themen auseinandersetzen

Dominik Erhard (Foto) ist erfahrener "Slammer". "Ich habe mit 16 Jahren angefangen und stehe seitdem regelmäßig auf Bühnen. Heute bin ich 25 und noch immer mit Freude dabei", sagt Erhard. 2013 wurde er Bayrischer Meister im Poetry Slam in der Altersklasse U 20. Insgesamt sei er mehr als 500-mal aufgetreten.

Poetry-Slam sei ein sehr demokratisches Format. "Jeder darf auftreten und die Themen präsentieren, die ihr oder ihm wichtig sind. Außerdem ist die Szene trotz ihrer Größe noch immer sehr persönlich. Ebenfalls ist bemerkenswert, dass ein Abend mit Poetry Slam alles beinhalten kann. Einige können sehr lustig, andere tiefbewegend sein", erklärt Erhard. Er sei schon für verschiedene Projekte als Workshopleiter aktiv gewesen, sei es für Tagungen, Schülerkongresse oder Projekte wie dieses.

Aktuell angebotene Workshops für Schulen betreuen er sowie Kolleginnen und Kollegen aus der Poetry-Slam-Szene, "die erfahren im Leiten sind". "Wir vom Philosophie-Magazin haben das Projekt vergangenes Jahr ins Leben gerufen, da uns die politische Bildung von Schülern wichtig ist. Bei dem Format haben die Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit philosophischen und politischen Themen auseinanderzusetzen", so Erhard.

Oft würden Lehrer gar nicht glauben, was so alles in ihren Schützlingen vorgeht. "Viele offenbaren eine ganz andere, tiefgründige Seite von sich, wenn man sie einfach einmal fragt", sagt der 25-Jährige. (cdo)

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...