Sammler zeigt seine liebsten Exemplare

Ralph Geisler aus Grünhainichen hat in seinen Schätzen gestöbert. Zu Tage gekommen sind eine Spinne, eine Pyramide und ein Engel - samt einigen Geschichten.

Grünhainichen.

Antikhändler und Sammler Ralph Geisler gilt als Kenner der Geschichte erzgebirgischer Holzkunsterzeugnisse. Der Grünhainichener lebt für Spielwaren und Dekorationserzeugnisse aus den Werkstätten der Region. Jüngst hat sich der 58-Jährige daran gemacht, einmal seine eigenen Schätze ins Rampenlicht zu rücken. Und so gibt der Besitzer der fast 500 Jahre alten Rochhausmühle den Blick auf drei seiner Schmuckstücke frei - wenn die Geschäfte wieder geöffnet haben.

Einer seiner Favoriten ist eine Liebesspinne. Reichlich einen Meter von der Holzdecke herabreichend, schweben zwei Dutzend Engel mit Herzen als Leuchtkonstruktion angeordnet durch die Luft. Sie steigen musizierend herab, nur mit einer Schärpe bekleidet, spielen Trompete, Posaune, Trommel und Schellenbaum. Der Deckenkranz mit einem Durchmesser von 75 Zentimetern wird mit zwei Dutzend Kerzen bestückt. Die Spinne gibt dem Grünhainichener noch manche Nuss zu knacken. "Wir haben ein Signum gefunden, in dem sie auf 1837 datiert ist." Zudem gebe es zwei jeweils aus drei Buchstaben bestehende Initialen.

Bisherige Recherchen ließen den Schluss zu, dass das Exemplar einst dem Obersteiger Karl-Ernst Müller gehörte. Der Brand-Erbisdorfer war im Silberbergbau zu Schaden gekommen und soll diese Spinne als Berginvalide für seine Kinder gebaut haben. Geisler berichtet, dass die frühere Besitzerin der Spanziehmühle Grünhainichen, Ursula Grimm, auf den Nachlass gestoßen war. Er habe das Exemplar von ihr erworben und sich mit ihr auf Spurensuche begeben. Aus der Biedermeierzeit stammend, wurde die Spinne in der Gründerzeit mit Weiß-Gold übermalt. Diese Schicht wurde abgetragen und die ursprüngliche Fassung freigelegt.

Ein weiteres besonderes Exemplar in Ralph Geislers Besitz ist ein Schwebeengel. "Diese Figuren wurden als Taufengel geschätzt und waren in jenen Familien angesagt, die etwas auf sich hielten", so Ralph Geisler. Regelmäßig in der Adventszeit seien die Figuren in die Stube geholt worden. "In unserer Region wurden sie zu Taufen über das Becken in den Kirchen gehängt, galten so als Symbol des Beschützers." Um 1900 sei diese Praxis in den Kirchen als Götzendienst nicht mehr erwünscht gewesen. "Die Schwebeengel sprechen für mich eine eigene Sprache. Oft selbst gefertigt, ist es unverkennbar, dass die Erzgebirger den Meistern des Barocks über die Schulter geschaut haben und das Vorbild in deren Putten sahen." Der Holzkunstexperte verweist dabei auf die Gesichter. "Nicht selten hielt der Kopf eines Mitglieds der Familie als Vorlage her." Das Reizvolle für ihn ist das Unvollkommene, das nicht über die künstlerische Meisterschaft verfügende Können - eben Volkskunst. Da gebe es das viel zu lange Kinn, die krumme Nase und muskulöse Oberarme wie bei einem Preisboxer. Eine ausgewogene Proportionalität gab es bei diesen Exemplaren oft nicht. "Und genau das reizt den Sammler." Einer der Lieblingsengel von Ralph Geisler wurde um das Jahr 1850 geschaffen. "Das zur Biedermeierzeit hergestellte Stück besteht aus einem geschnitzten Holzrumpf und einem Schildplattkopf, wohl aus Thüringen stammend."

Auch eine Pyramide wird ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Dabei handelt es sich um eine Laubsägearbeit aus dem Jahr 1880. Für das Exemplar wurde Lindenholz verarbeitet. "Auch hier sind mit Weiß-Gold Gründerzeitfarben bestimmend. Das Drehteil ist mit der für das Erzgebirge klassischen Figurenfolge bestückt. Dabei handelt es sich um Tuchstaub-Figuren und Exemplare aus der Reichelt-Werkstatt in Pobershau." So marschieren im unteren Teil Jäger, Schäfer und Waldleute auf. Darüber gesellen sich am Heiligabend Hirten an der Krippe, während in der oberen Etage die drei Könige samt Engel die Geburt Jesu verkünden. "Dieses Teil zeigt, mit welcher Liebe, aber auch Zeitaufwand das Brauchtum gepflegt wurde. Der Aufbau der Pyramide war ein Ritual, oft erfreuten sich die Besitzer über Tage an diesem Tun. Kein Vergleich zum heute explodierenden Konsumerlebnis, indem ein Päckchen aufgerissen und ein fertiges Exemplar auf den Gabentisch kommt." Der Antrieb der Pyramide wurde schon vor geraumer Zeit auf Elektrik umgerüstet. Verwendet wird dabei ein Schallplattenspieler-Motor, der besonders leise läuft.

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