Schnitzer machen mit neuem Chef weiter

Der Beierfelder Verein stand vor der Auflösung, da ein Vorsitzender fehlte. Dann hat einer, der schon ausgetreten war, das Ruder übernommen.

Grünhain-Beierfeld.

Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Wege - das hat sich auch Holzbildhauer und Schnitzer René Müller aus Beierfeld gedacht. Weil sein ehemaliger Schnitzverein, in dem er einst das Einmal-Eins der Holzgestaltung lernte, eine "Führungskrise" hatte, sprang Müller über seinen Schatten.

"Ich war ja ausgetreten, weil ich das Gefühl hatte, es geht nichts mehr vorwärts", sagt der 46-Jährige. "Wir Jüngeren hatten den Eindruck, dass niemand auf uns hört, und außerdem sind alle Künstler Zicken." Doch als Mitglieder des Berg- und Schnitzvereins Beierfeld jetzt auf ihn zukamen, weil dringend ein neuer Vorstand gesucht wurde, übernahm Müller das Ehrenamt. Dafür musste er die Leitung des Ganztagsangebots Schnitzen in der Oberschule Beierfeld abgeben. Denn der Beierfelder ist im Baumanagement tätig, deutschlandweit unterwegs und hat wenig Zeit.

Als Termin für die regelmäßigen Schnitzertreffen kam nur der Freitag infrage. "Sonst haben sich die Mitglieder immer am Donnerstag zusammengesetzt", sagt Müller. "Doch das geht bei mir überhaupt nicht." Deshalb fliegen jetzt jeden Freitag von 18 bis 20 Uhr die Späne im Schnitzerheim. Für die Mitglieder sei diese Veränderung keine Schwierigkeit gewesen.

"Ich bin mittlerweile 79. Da muss man schon mal kürzer treten", sagt Wolfgang Riedel, der von 2003 bis 2019 die Geschicke des Vereins lenkte und nun den Staffelstab weitergegeben hat. Seit 61 Jahren gehört Riedel zum Verein. Sein Vater Kurt war Gründungsmitglied. "Wäre René nicht gekommen, dann wäre der Verein eingegangen - so deutlich muss man das sagen", sagt Riedel.

Das drohende Aus für den traditionsreichen Vereins, der seit 2007 im ehemaligen Kindergarten am Fritz-Körner-Haus ein Domizil hat, war es, die René Müller abwenden wollte. "Das konnte ich doch nicht zulassen. Was hier alles steht. Drei Weihnachtsberge beispielsweise", sagt er. Mit ihm kommt nicht nur frischer Wind, sondern auch ein Schwung junger Mitglieder. Fast zehn interessierte Holzkünstler haben sich zusätzlich angeschlossen, sodass der Verein heute 16 Mitglieder zählt. Stellvertreter ist mit Christian Salzer ein 34-Jähriger geworden.

"Straffe Regeln, was das Erscheinen zu den Vereinstreffen angeht, gibt es nicht mehr", sagt Müller "Manch einer hat Verpflichtungen, arbeitet im Schichtbetrieb und kann einfach nicht immer kommen. Dafür muss man Verständnis haben." Ein Zeichen für die neue Lockerheit im Verein ist, dass an der Pinnwand keine Teilnehmerliste mehr hängt, sondern ein Getränkezettel. Und hört man sich unter den Schnitzern um, heißt es immer wieder: "Wir sind zufrieden. Das passt schon."

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