Schule verliert eine wichtige Gefährtin

Zwei Jahre lang hat Wilma Bräutigam an der Nexö-Oberschule in Zschopau als Fellow gearbeitet. Es handelte sich um ein Bildungsprojekt, das sich für alle Beteiligten lohnte.

Zschopau.

Immer wenn der Freitag naht, dann kribbelt es bei Wilma Bräutigam in den Fingern. Nur allzu gern würde sie dann mit den Mitgliedern ihrer Frisbee-AG wieder loslegen wollen. Bis zum Herbst hatte sie diese Arbeitsgemeinschaft an der Zschopauer Martin-Andersen-Nexö- Oberschule zumindest noch alle paar Wochen geleitet. Es waren die letzten Aktionen innerhalb eines Projekts, das für die 28-Jährige eigentlich schon im Sommer endete. Denn ihre von der gemeinnützigen Bildungsinitiative "Teach First" koordinierte Tätigkeit als Fellow - der Begriff steht im Englischen für Gefährte - war im Juli ausgelaufen. "Dieses Konzept ist immer nur auf zwei Jahre ausgelegt", erklärt Wilma Bräutigam, die schweren Herzens ihre Koffer packte.

In einem interkulturellen Jugendtreff in Dresden hat die Kunstpädagogin inzwischen eine neue berufliche Herausforderung gefunden. "Aber mein Herz hängt noch an Zschopau", sagt die gebürtige Dresdnerin. Damit nennt sie den Grund dafür, dass sie auch im neuen Schuljahr freitags noch einige Male an die Nexö-Schule kam, bevor die Corona-Pandemie endgültig einen Schlussstrich zog. Das Ende eines Programms, in dem es für Wilma Bräutigam darum ging, Kinder und Jugendliche an Übergängen im Bildungssystem zu begleiten. Dieses Ziel verfolgt "Teach First" mit seinen Fellows an sogenannten Brennpunktschulen. In Zschopau ging es darum, Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund den Einstieg in den geregelten Schulalltag zu erleichtern. Neben dem Lernen der deutschen Sprache spielte vor allem der soziale Aspekt eine wichtige Rolle.

"Eigentlich wollte ich woanders hin", gesteht die 28-Jährige. Wie so viele Uni-Absolventen, die "Teach First" als Türöffner für die Arbeitswelt nutzen, wäre auch sie lieber in einer Großstadt gelandet. Doch die Tatsache, dass sich die Nexö-Schule um einen Fellow beworben hatte, erwies sich für Wilma Bräutigam als Glücksfall. Auch wenn der Schwung aus der dreiwöchigen Sommer-Akademie von "Teach First" zunächst nicht in den Schulalltag hinüber schwappte. Dieser Austausch mit Fellows aus ganz Deutschland sei "unheimlich inspirierend" gewesen. Allerdings ging das Gefühl, alles revolutionieren zu können, schon bald verloren. So wie in Zschopau viele mit dem Begriff Fellow und dem gesamten Projekt wenig anzufangen wussten, so hatte auch Wilma Bräutigam anfangs ihre Probleme. "Der Einsatz ist ja vorher schwer absehbar, die Schwerpunkte verändern sich ständig." Doch vor allem dank der Unterstützung von Schulleiterin Sybille Höfer, die sie stets zur Initiative ermutigte, fand die Kunstpädagogin ihren Weg. "Was mich am meisten erstaunt hat, war das sofortige Vertrauen der Kinder", sagt Wilma Bräutigam: "Sie waren froh, dass es jemanden gab, der nur für sie da war." Das ging beim Lernen der deutschen Sprache los, das auch in Fördergruppen stattfand. Doch ebenso saß die 28-Jährige im Fachunterricht als Begleitung zwischen den Schülern, "um zu erkennen, woran es hakt". Dies kam letztlich nicht nur dem Verhältnis zu den Flüchtlingskindern zugute, sondern förderte auch die Kooperation mit den Lehrern. Einen anderen pädagogischen Blickwinkel kennenzulernen habe geholfen. "Einer Kollegin fiel zum Beispiel auf, dass ich ganz anders mit Kindern umgehe", berichtet Wilma Bräutigam. Die Devise, weniger auf die Fehler und mehr auf die Stärken hinzuweisen, habe die Kollegin übernommen. "Wir haben uns gegenseitig viel gegeben", betont die Kunstpädagogin, die selbst auch viel dazulernte.

Den Kindern sollten in einer Kunst-AG sowie beim Frisbeespielen neue Anreize geboten werden: den Alltag einfach mal vergessen und Neues ausprobieren. Das gleiche Ziel verfolgte Wilma Bräutigam auch mit ihrer Adventskalender-Aktion: "Für jeden Tag war jemand anderes zuständig." Mit Gedichten und Liedern habe sie den Schülern einen ganz anderen Zugang zur deutschen Sprache ermöglicht. Die Begeisterung ging soweit, dass sich 30 Kinder verschiedener Klassenstufen schließlich sogar bei den Putzfrauen bedankten, indem sie mit Eimer und Lappen durch die Zimmer zogen. Inzwischen konnte Wilma Bräutigam auch einheimische Kinder inspirieren. Dieser Fakt stimmt sie ebenso zufrieden wie die Einschätzung, dass die meisten der rund 70 Flüchtlingskinder, mit denen sie in den zwei Jahren zu tun hatte, "ihren Platz gefunden haben".

Als gelungen wird das Projekt auch von Sybille Höfer bezeichnet. Doch einen Makel sieht die Schulleiterin, denn die zwei Jahre von Wilma Bräutigam als Fellow waren in ihren Augen nicht genug: "Gerade als die Sache richtig ins Rollen kam, war sie vorbei." Gern hätte sich Sybille Höfer noch ein drittes Jahr gewünscht, doch die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit "Teach First" liegt trotz einer erneut eingesandten Bewerbung vorerst auf Eis. "Die Nachfrage ist so groß, dass wir im ländlichen Raum derzeit keine Chance haben", erklärt die Schulleiterin, die 2022 einen neuen Anlauf unternehmen will. Bis dahin will Wilma Bräutigam auf freiwilliger Basis noch Hilfe leisten und auch von Dresden aus Tipps geben: "Viele Schüler haben meine Nummer und können mich weiterhin anrufen."

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