"Seitdem ich hier angefangen habe, bin ich Katastrophenmanager"

Stürme, Borkenkäfer und Schneebruch: Der Wald hat schon bessere Zeiten erlebt als die vergangenen Monate. Das hat nicht nur Konsequenzen für die Arbeit des Sachsenforstes und des Revierförsters Tobias Hamm. Auch die Besucher bekommen das zu spüren.

Gelenau/Thum.

Irgendwo tief im Wald des Gelenauer Forstreviers. Ein Harvester, der mit seinem gegliederten Rumpf und langen Greifarm an ein riesiges rotes Insekt erinnert, packt eine kranke Fichte. Es dauert keine Minute, bis aus dem rund 20 Meter hohen Baum vier exakt gleichlange Stücke geworden sind. An einigen Stellen im Forstrevier Gelenau herrscht in diesen Tagen rege Betriebsamkeit. "Wir haben die Waldarbeiter von neun Revieren im Einsatz", sagt Förster Tobias Hamm. Das ist möglich, weil in den höher gelegenen Gebieten des Neudorfer Forstbezirks, zu dem das hiesige Revier zählt, schneebedingt noch nicht viel getan werden kann. Doch diese Bündelung der Kräfte hat einen weiteren, sehr triftigen Grund: Bis Ende März muss so viel wie möglich liegendes Holz aus dem Wald geschafft werden. Denn nach einem schlimmen Jahr 2018 droht die unkalkulierbare Vermehrung des Borkenkäfers, der im Extremfall sterbende Waldstriche zurücklässt.

"Seitdem ich hier angefangen habe, bin ich Katastrophenmanager", beschreibt Revierförster Hamm. Schaut man sich die Wetterkapriolen der jüngsten Zeit an, die auch das Forstrevier Gelenau betroffen haben, ist das keine Übertreibung. So musste sich der 36-Jährige noch mit Folgen des Herbststurms Herwart von 2017 auseinandersetzen. Dessen Einschlag schaffte mit einem zeitig einsetzenden Frühling und dem trockenen Sommer beste Bedingungen für den Borkenkäfer. Sturm Friederike krönte das Horrorjahr 2018 für den Wald: Der erneute Einschlag lieferte frisches Brutmaterial für die ohnehin gestärkte Borkenkäferpopulation. Dagegen fielen die Schneebruchprobleme im Gelenauer Revier geringer aus als in den höher gelegenen Revieren.

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Konkret ist im Forstrevier ein Schaden von rund 16.000 Festmeter Holz entstanden, das entspricht in etwa dem geplanten Jahreseinschlag. Arbeit spart das aber nicht, im Gegenteil. Schließlich liegen die Schadstellen über das ganze Revier verteilt und die Holzpreise befinden sich wegen des Überangebotes im Keller. Den schlimmsten Flächenwurf im Revier richtete Sturm Fabienne im Wald bei Venusberg an. "Auf einer Fläche von 4,5 Hektar haben wir einen Totalausfall", sagt Förster Hamm.

Das alles hat auch zur Folge, dass der Sachsenforst beim großen Ziel Waldumbau nun improvisieren muss. Kurz gesagt geht es darum, mehr Abwechslung in den erzgebirgischen Fichtenwald zu bringen, weil die vorherrschende Monokultur anfällig für Witterungs- und Klimaextreme sowie Schädlinge ist. Dafür hat Förster Tobias Hamm, der die Arbeit seines Vorgängers seit Mitte 2018 fortführt, sein Revier in fünf sogenannte Hiebsblöcke eingeteilt. In jedem Jahr wird sich um einen davon gekümmert, bis es wieder von vorn losgeht. Dabei werden beispielsweise große Bäume, die anderen das Licht rauben, strukturiert gefällt und junge Bäume verschiedener Arten nachgepflanzt - theoretisch. Doch das muss warten, zunächst ist weiter der Katastrophenmanager Tobias Hamm gefragt.

Denn sobald die Temperatur mehrere Tage über 16,5 Grad Celsius liegt, schwärmt der Borkenkäfer aus. Die Männchen bohren sich in die Rinde und schaffen eine Rammelkammer, wie es die Biologen nennen. Dort paaren sie sich mit den Weibchen, die sich voranfressen und Eier legen. Die geschlüpften Larven zerstören dann weiter die wasser- und nährstoffführenden Schichten des Baumes. Gegen die schiere Masse der Invasoren - ein Weibchen bringt jährlich Abertausende Nachkommen - hat der Baum keine Chance. Er stirbt.

Wehrlose, weil geschwächte Bäume bieten Borkenkäferarten wie Buchdrucker und Kupferstecher beste Bedingungen zur Vermehrung. Tobias Hamm geht bereits jetzt von Hunderten Befallspunkten im Revier aus. Deshalb muss das befallene Holz schnellstens aus dem Wald gebracht werden. "Wir haben dafür eigens Lagerflächen angemietet", erläutert Hamm.

Bis Ende März soll das erledigt werden. Wegen des Zeitdrucks und der gefährlichen Arbeit mit der Kettensäge - bei Sturmholz sind viele Risiken schlecht kalkulierbar - setzt der Sachsenforst schweres Gerät ein. Entsprechend zerstört sehen viele Waldwege aus. Doch bereits im März soll deren Wiederherstellung beginnen, verspricht der Förster.

Wie ernst die Lage für den Wald ist, zeigte kürzlich eine Erklärung von Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt. Der Freistaat stellt Waldbesitzern insgesamt mehr als acht Millionen Euro Hilfe in Aussicht. "Das von Borkenkäfern befallene Holz muss schnellstmöglich so aufgearbeitet werden, dass die Insekten keine Chance haben, sich weiter zu verbreiten", so Schmidt. Sachsen erlebe derzeit die größte Massenvermehrung von Borkenkäfern seit dem Zweiten Weltkrieg.

In einigen Wochen wird sich zeigen, wie stark der Borkenkäfer aus dem Winter kommt. Etwas Hoffnung gibt Hamm, dass der Winter zeitweise recht mild war: Bei feuchter und milder Witterung sprießen Pilze und töten viele Käfer ab.

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