Vom Fan zur Königin der Erzgebirgsbahn

Seit Mitte Oktober repräsentiert Franziska Menzel das Verkehrsunternehmen. Doch trotz Glitzerdiadem, Schärpe, Autogrammkarten und sogar einem eigenen Schnaps ist das Leben der erstmals gekrönten Hoheit alles andere als glamourös.

Chemnitz.

Bevor Franziska Menzel Ende vergangener Woche wie gewohnt mit strahlendem Lächeln die Gäste des Städteexpress Karl-Marx-Stadt - Prag begrüßte und mit der traditionellen Lochzange die Fahrkarten entwertete, hatte sie kurz zuvor wieder einmal Tränen vergossen. Nicht aus Kummer, sondern vor lauter Fleiß - für die Mitte Oktober zur ersten Königin der Erzgebirgsbahn gekrönte 20-Jährige stand vor den beiden Tagesreisen ins Nachbarland einmal mehr Zwiebel- und Kartoffelschälen auf dem Programm. Denn um die insgesamt 1400 Gäste des Reiseveranstalters Erzgebirgsstübl Eisenbahnerlebnistouren Dorfchemnitz am Donnerstag und Samstag zu verköstigen, haben Franziska und ihre Mutter Heike Menzel sowie andere Helfer unter anderem 20 Kilogramm Erdäpfel zu Kartoffelsalat und zehn Kilo Zwiebeln für die Rostbrätel verarbeitet.

Im zarten Alter von vier Wochen war die Chemnitzerin erstmals mit ihren Eltern und anderen Eisenbahnfreunden auf Tour, hopste als Kind im Osterhasen- oder Wichtelkostüm durch die Reihen. Schon als Kind, später auch im Teenageralter, teilte sie die Leidenschaft ihrer Eltern für Erlebnisreisen mit Sonderzügen in alle Ecken Deutschlands: "Diese Fahrten waren für mich nie ein Muss, ich habe das wirklich immer gern gemacht." Inzwischen ist sie nicht nur ihrer Mutter, sondern auch Vater Frank bei der Organisation der Fahrten, der Übernachtungsmöglichkeiten und Veranstaltungsangebote, beim Einkaufen, in der Küche und nicht zuletzt bei der Betreuung der Gäste eine Stütze. Gern hilft sie auch bei Sonderwünschen: "Wenn wir einmal im Jahr mit der Dampflok unterwegs sind, wollen viele gern einmal auf der Lok mitfahren. Das erfüllen wir gern."

Rund 30 Mal ist Familie Menzel jedes Jahr unterwegs - vor allem auf Tagestouren, aber auch mit Mehrtagesausflügen, beispielsweise an die Ostsee und nach Österreich. "Ich gehe gern auf andere Menschen zu, entdecke gern Neues", begründet Franziska Menzel ihre Leidenschaft fürs Reisen. "Viele unserer Stammgäste stammen übrigens aus dem Erzgebirge. Die Lichtelfahrten zum Jahresende empfinde ich immer wieder als sehr eindrucksvoll. Der Blick aus dem unbeleuchteten Zug auf das Lichtermeer im Erzgebirge ist unglaublich, vor allem die Aussicht vom Markersbacher Viadukt, auf dem der Zug stets einen kurzen Halt einlegt."

Ihre Begeisterung für andere Menschen hat auch schon frühzeitig ihren Berufswunsch geprägt: Die junge Frau erlernt nach dem Abschluss als staatlich geprüfte Sozialassistentin den Beruf einer Erzieherin und möchte später gern mit Drei- bis Sechsjährigen arbeiten: "Das wollte ich schon in der Grundschule, Praktika im Kindergarten haben mich darin bestärkt. In dem Alter sind die Kinder sehr offen und begeisterungsfähig, da kann ich ihnen am besten helfen, sich in der Welt zurecht zu finden."

Dass die 20-Jährige nun knapp drei Jahre als Erzgebirgsbahn-Königin das Verkehrsunternehmen und damit auch ihr Hobby vor größerer Kulisse anderen Menschen bekannt machen darf, hat sie sehr gefreut: "Es ist eine große Ehre, die Erzgebirgsbahn zu vertreten." Für Lutz Mehlhorn, den Leiter des regionalen Verkehrsunternehmens, ist die Anhängerin des Bahnfahrens eine ideale Repräsentantin: "Sie kennt sich mit der Erzgebirgsbahn und ihren Angeboten, den Fahrgästen sowie deren Bedürfnissen bestens aus. Schon zur Krönung hat sie ihr Wissen richtig gut unter Beweis gestellt, die Reaktionen darauf waren sehr positiv. Diese Art von Repräsentation ist ja sowohl für sie als auch für uns Neuland." Gegenwärtig erarbeite das Unternehmen einen Plan, auf welchen Reise- und Verbrauchermessen, Ständen sowie in welchen Zügen die junge Hoheit künftig für die Regionalbahn werben wird.

Noch in diesem Jahr wird Franziska Menzel, die übrigens eine Leseratte, vor allem ein großer Fan von Fantasy-Literatur ist und sich gern mit Freunden trifft, ihr schickes weiß-rotes Dirndl ab und zu anziehen und das Diadem aus glitzernden Strasssteinen ins Haar stecken. Beispielsweise zum dritten Hoheitentreffen, zu dem sie Tina I., Königin der Städtepartnerschaft Netzschkau-Rosbach, ins Vogtland eingeladen hat. Dabei wird sie in ihrem Körbchen sicher auch wieder viele Autogrammkarten sowie ihren "Krönungstrunk" mit dabei haben - einen Eisbeerschnaps, natürlich aus dem Erzgebirge.


Mit 13 Triebwagen quer durch die Region

Die seit 2002 existierende Erzgebirgsbahn ist eine von insgesamt sechs Regionalbahnen der Deutschen Bahn AG. Sie betreibt ein rund 250 Kilometer langes Streckennetz, das die Stadt Chemnitz mit Bahnhöfen im Erzgebirgskreis sowie den Landkreisen Mittelsachsen und Zwickau verbindet. Das Eisenbahnverkehrsunternehmen befährt die Strecken von Chemnitz nach Cranzahl (Zschopautalbahn) beziehungsweise nach Olbernhau-Grünthal (Flöhatalbahn), von Zwickau nach Johanngeorgenstadt sowie von Glauchau nach Gößnitz.

13 Triebwagen befördern täglich rund 5000 Fahrgäste und legen nach Angaben des Unternehmens jährlich rund zwei Millionen Kilometer zurück. Die Erzgebirgsbahn beschäftigt derzeit etwa 200 Mitarbeiter - Lokführer, Fahrdienstleiter, Kundenbetreuer, Dispositionspersonal, Projektleiter, Verwaltungsmitarbeiter sowie Instandhalter für die Gleis- und Signalanlagen. (mb)

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