Von Musterkartons zu Schmuckkästchen

Uthmann, Silbermann und Ries kennt jeder. Das historische Archiv der Erzgebirgssparkasse birgt aber Geschichten vieler Persönlichkeiten. Horst Möckel holt sie für die Leser der "Freien Presse" hervor. Heute: Johann Georg Adler

Buchholz.

Johann Georg Adler, am 19. Februar 1821 im vogtländischen Eichigt geboren, sollte als Persönlichkeit im Erzgebirge und weit darüber hinaus von sich reden machen. Er war der Sohn einfacher Bauersleute, ging zur Schule im Heimatort, dann ans Gymnasium Plauen. Sehnlichster Wunsch der Mutter war es, dass ihr Sohn Theologie studiert. Dieser verspürte aber keinerlei Neigung dazu, sodass er 1835 die Schule verließ. In Plauen erlernte er das Handwerk eines Buchbinders.

Nachdem er im Jahr 1839 seine Gesellenprüfung absolviert hatte, ging Johann Georg Adler auf Wanderschaft. Besonders Hannover war von Bedeutung, da dort das Buchbinderhandwerk nach englischem Vorbild betrieben wurde. Freunde machten ihn auf das kleine aufstrebende Buchholz aufmerksam. Adler zog in diese Stadt, in der er sich als Buchbinder niederlassen wollte. Dies scheiterte jedoch zunächst an der fehlenden Meisterprüfung. Also zog Adler nochmals nach Plauen, holte am 2. März 1846 die Prüfung nach und ließ sich am 24. März des gleichen Jahres in Buchholz für dieses Gewerbe einschreiben. Im Wohnhaus richtete Adler eine kleine Werkstatt ein und fertigte für die Posamentenverleger Musterkartonagen an. Der erste Auftrag in seiner Buchbinderei war jedoch eine Bibel, für die er keine Zahlung annahm.

Im Sommer 1847 erforderte die steigende Auftragslage einen Umzug in größere Räume. Ein Großbrand in Buchholz im Mai 1852, dem etwa 30 Häuser zum Opfer fielen, vernichtete auch die alte Wohnung von Johann Georg und Luise Adler. Georg Adler konnte seine schwangere Frau noch aus dem brennenden Haus tragen, aber das Hab und Gut der Familie wurde ein Opfer der Flammen. Zum Glück besaß der Buchbinder auch eine Buch-, Kunst- und Musikhandlung, die ihm nach dem Brand zunächst über den Berg half. Als die Nachfrage nach Musterkartonagen für Posamenten sank, wartete Georg Adler nicht auf einen neuen Aufschwung, sondern suchte selbst nach anderen Möglichkeiten. Er bewies Unternehmergeist und wandte sich einer neuen Produktpalette zu, der Anfertigung von Fantasiekartonagen, die bis dato in größerem Umfang nur in Paris hergestellt wurden. Die Nachfrage stieg ständig, das Wagnis war geglückt. Nach dem so 1855 in Buchholz neu entstandenen Industriezweig führte Adler 1862 einen weiteren Erwerbszweig mit Prägearbeiten in Leder ein. Noch im gleichen Jahr begann der Unternehmer mit dem Bau seiner neuen großen Fabrik, die sich rasch vergrößerte und bis 1904 durch weitere Anbauten ergänzt wurde. Die Firma stellte auf vielen hochrangigen internationalen Messen aus - 1865 in Porto, 1873 in Wien, 1878 in Berlin, 1879 in Sydney und 1880 in Melbourne - und nahm eine ganze Reihe von Auszeichnungen mit ins Erzgebirge. Um sich von Holzlieferungen für die Kartonagen unabhängig zu machen, erwarb Adler ein Grundstück in Walthersdorf und richtete dort 1865 ein Säge-, Schneide- und Fräswerk ein. So gab er vielen Menschen Lohn und Brot. 1881 waren bei Adler schon 345 Arbeiter beschäftigt, deren Anzahl insbesondere durch eine später hinzukommende Fabrik in Reitzenhain stetig stieg. Die Betriebe waren nach den modernsten Gesichtspunkten ausgestattet. Am 19. März 1898 endete in Buchholz das verdienstvolle Leben von Johann Georg Adler. Mit ihm verlor das Erzgebirge eine Persönlichkeit. Mut und Unternehmergeist hatten aus einem einfachen Bauernjungen einen erfolgreichen Fabrikanten gemacht, der eine neue Industrie eingeführt hatte und dessen humanitäre Taten unvergessen bleiben werden. (mit mas)


Johann Georg Adler - und was heute noch existiert

Teile der verstaatlichten ehemaligen Firma Adler übernahm mit der politischen Wende Gerhild Sacher. Sie wurde vom Unternehmergeist beflügelt und gründete 1991 die gleichnamige Firma, da sie sich entschloss, die Tradition der Etuiherstellung vor dem Vergessen zu bewahren.

Der Firma Sacher & Co. GmbH gelang in all den Jahren die Balance zwischen Tradition und Moderne. Sie ist heute ein modernes, weltweit agierendes Unternehmen.

Jetzt beschäftigt die Firma 25 Mitarbeiter. Sie exportiert in 42 Nationen auf allen Kontinenten. Die Palette reicht von Kästchen über Etuis bis zu Feinkartonagen und Industrieverpackungen. "Bei Schmuckkoffern sind wir in Deutschland die letzte Firma unserer Branche, die ausschließlich hier produziert", so Gerhild Sacher.

Einen Werksverkauf gibt es in der Buchholzer Manufaktur der Firma, An der Mühle 6, einem historischen Firmengebäude, in dem heute noch produziert wird.

In Würdigung ihrer unternehmerischen Kompetenz erhielt Gerhild Sacher vom Freistaat Sachsen den Preis "Unternehmerin des Jahres 1996" und 2001 den Stadtpreis für Wirtschaft in Annaberg-Buchholz. (mas)

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