Welt voller Teddys wartet auf Besucher

Seit mehr als 20 Jahren widmet sich Lutz Reike kuschligen Zeitzeugen. Wie vielfältig die Sammlung des Museologen aus Dresden ist, können nun die Gäste in Zschopau herausfinden.

Zschopau.

Mit Ausstellungsstücken hat Lutz Reike fast jeden Tag zu tun. Schließlich ist der 49-Jährige in Dresden als Museumspädagoge angestellt. So sehr seine Arbeit ihm auch gefällt: Einen Nachteil hat dieser Berufsalltag für ihn. "Aufgrund meiner Ausbildung juckt es mir in den Fingern, direkt mit den Objekten zu arbeiten", erzählt der Diplom-Museologe. Nur über Objekte hinter verschlossenen Vitrinen zu erzählen, ist ihm nicht genug. Also stellte der gebürtige Dresdner vor mittlerweile 13 Jahren eine eigene Ausstellung auf die Beine, mit der er in seiner Freizeit durchs Land zieht. Nun macht er damit Station auf dem Zschopauer Schloss Wildeck.

Wer historische Fundstücke aus dem Mittelalter oder dem alten Ägypten erwartet, dürfte enttäuscht sein. Die Zeugnisse, die Lutz Reike aufbereitet hat, sind deutlich jünger - maximal 113 Jahre alt, um genau zu sein. Für den Museologen sind sie aber mindestens genauso reizvoll. Man könnte sie sogar als Zeitzeugen bezeichnen, denn die rund 100 Teddybären, die er im Schloss präsentiert, erscheinen fast lebendig. "In den Bären stecken viele Emotionen. Keiner ist dem anderen komplett ähnlich", sagt Lutz Reike. "Selbst Exemplare aus der gleichen Produktionslinie haben nie das gleiche Aussehen", betont er. Das Fell, die Nähte, die Augen, die Gliedmaßen - irgendetwas ist immer anders. Es ist diese Individualität, die den Dresdner seit 1997 fasziniert.

Nachdem sich seine Sammelleidenschaft zuvor auf Antiquitäten konzentriert hatte, legte sich der Elbstädter irgendwann auch Teddybären zu. Ein Schlüsselmoment, der den großen Stein ins Rollen brachte, folgte aber erst 2002. "In dem Jahr habe ich ein Piratenschiff mit Plüschtieren für meinen Patenneffen gebaut", erzählt Lutz Reike. Als das Schiff fertig war, sei ihm aufgefallen, dass es mit zwei Metern Länge und 2,50 Metern Masthöhe für ein Kinderzimmer etwas zu groß geraten war. Damit die Arbeit nicht umsonst war, schaute sich Reike um und stieß auf eine Wanderausstellung. Um das Piratenschiff zu einem Teil davon zu machen, brauchte er nur noch historische Teddys. "Also bin ich losgezogen und habe auf einem Trödelmarkt die ersten zwölf Mann der Besatzung ,angeheuert'", erläutert der Dresdner schmunzelnd.

Seit 2005 zeigt Lutz Reike seine Ausstellung. "Teddy wants to travel - Teddy möchte reisen" heißt die Präsentation, die weitaus mehr zu bieten hat als nur den Anblick kuschliger Kinderfreunde. "Damals bei der Wanderausstellung habe ich gemerkt, dass die Leute viel über die Historie der Teddys wissen wollten", berichtet der 49-Jährige. Um diese besser darlegen zu können, besorgte er sich Exemplare möglichst vieler Epochen. Das Internet, Trödelmärkte, Gespräche mit Experten und Schenkungen ließen so inzwischen um die 800 historische Teddybären zusammenkommen. Von Produkten aus den 1980er-Jahren reicht die Spannbreite hin bis zu einem Teddy, der "1905 oder 1906 als einer der ersten weichgestopften Teddys der Welt bei Steiff in Giengen produziert wurde", so Reike. Beispielhaft hat er 100 davon nach Zschopau gebracht - aufgeteilt in verschiedene Themenbereiche mit vielen Info-Tafeln. Exemplare mit Tretautos, Büchern und Gemälden belegen dem Veranstalter zufolge, dass "Teddys auch Kunst sind".

Die Sonderausstellung "Teddy möchte reisen" ist bis zum 9. Mai im Zschopauer Schloss Wildeck zu sehen. Geöffnet ist von 10 bis 16 Uhr.


Die zwei Geburtsorte von "Teddy": Stuttgart und Mississippi

Die Wurzeln des Teddybären reichen zurück ins Jahr 1902. Zwei Ereignisse führten laut Lutz Reike damals zu seiner Erfindung. Eins davon trug sich im Stuttgarter Zoo zu, wo Richard Steiff beim Anblick eines Bären eine Idee kam. Die echten Tiere animierten den Neffen von Margarete Steiff dazu, in der Spielwarenfabrik seiner Tante Plüschbären mit beweglichen Gliedmaßen zu produzieren.

Fast zeitgleich ging im US-Bundesstaat Mississippi der amerikanische Präsident Theodore "Teddy" Roosevelt auf Großwildjagd. Weil er keinen Bären erlegen konnte, präsentierten ihm seine Freunde ein angebundenes Bärenbaby als "Notlösung". Roosevelt drückte nicht ab. Ein Karikaturist hielt dies in einer Zeichnung fest und verwendete den "Teddy" auch später als Symbolfigur des Präsidenten.

Aus der Karikatur wurde rasch ein Spielzeugteddy, der laut Lutz Reike in den USA allerdings schnell vergriffen war. Eine passende Lösung habe sich Händlern aus den USA beim Besuch der Frühjahrsmesse 1903 in Leipzig geboten, wo die Plüschtiere der Firma Steiff unter dem Namen "Bärle" präsentiert wurden. Die Amerikaner kauften alle Exemplare - und machten den "Teddy" weltberühmt. (anr)

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