Wenn die Birkhuhn-Pirsch auf Anhieb ein Erfolg ist ...

... dann ist das ein eher seltenes Erlebnis im Erzgebirge. Reporter Georg Müller passierte genau das bei einer Tour mit einem Naturschützer und einem Fotografen. Beide sorgen sich um den Fortbestand des Vogels in der Region.

Marienberg.

Sie sind kleine Punkte in der Ferne. Erst durch das Fernglas lässt sich erkennen, was sich auf der Wiese abspielt. Udo Kolbe stellt die Schärfe nach. "Zwei balzende Hähne", sagt er, während sich der morgendliche Nebel legt. Damit ist eingetreten, womit der Naturschützer nicht gerechnet hat. Die Birkhuhn-Pirsch war auf Anhieb erfolgreich. Und das, obwohl es im Erzgebirge kaum Exemplare der geschützten Art gibt. Nur an wenigen Stellen besteht noch die Chance, ein Birkhuhn zu sichten.

Die Hähne plustern sich auf und springen flatternd aufeinander zu. So messen sie ihre Kräfte. In der Nähe Hennen. Kaum vorstellbar, dass die Tiere einst in Sachsen weitverbreitet waren und dass sie mittlerweile in der Region fast verschwunden sind. "Die Hennen müssten derzeit brüten", sagt Kolbe, der Mitglied der Initiative Birkhuhnschutz ist und sich seit Jahren für den Schutz der Tiere einsetzt. Was die genauen Gründe für die fehlende Nestpflege sind, kann er aus der Ferne nicht genau sagen. Eines weiß er jedoch: "Die Birkhühner finden im Erzgebirge kaum noch geeigneten Lebensraum vor." Verantwortlich dafür sei die intensive Forstwirtschaft, die vor allem vom Freistaat Sachsen in der Region betrieben wird.


Ein Feind der Nester sind Wildschweine. Sie fressen schon mal die Eier, wenn sie darauf stoßen. Rotwild beansprucht mitunter dieselbe Nahrung wie die Birkhühner - etwa Beeren. Was der Tierart vor allem zum Verhängnis wird: Es gibt zu wenige freie Flächen mit losen Baumgruppen sowie Büschen. Das Birkhuhn muss seine Feinde wie Füchse erspähen können und benötigt zugleich ausreichend Versteck- möglichkeiten. Im Wald ist es auf Dauer chancenlos. Gleiches gilt für Felder.

Jan Gläßer, der bei der Pirsch dabei ist und seit Jahren die imposanten Tiere fotografiert, zeigt auf den benötigten Lebensraum. Es sind die Übergangszonen zwischen Wald und Freifläche. Das Problem: Es gibt sie kaum noch.

Der Weg führt geradeaus durch den Wald. Links und rechts liegen Bäume. Es handelt sich um Sturmschäden. Die Kiefern konnten dem Wind nur wenig entgegensetzen. "Sie gehören nicht in diese Region", sagt Kolbe. Zugleich betont er, dass die Sturmschäden den Birkhühnern neue Chancen bieten. Denn dort, wo die Bäume umgefallen sind, bilden sie mit der Zeit Lichtungen. Udo Kolbe und Jan Gläßer setzen sich daher beim Sachsenforst dafür ein, dass die betreffenden Gebiete nicht gänzlich neu aufgeforstet werden. Ob sie damit Erfolg haben, ist offen. Die Gräben zwischen dem Staatsbetrieb und den Naturschützern sind tief. "Der Sachsenforst hat hinsichtlich des Naturschutzes eine Vorbildfunktion, kommt dieser aber kaum nach", kritisiert Kolbe.

Hatten sich die Birkhuhn-Bestände im Zuge des Waldsterbens bis in die 1990er-Jahre im Erzgebirge bis auf geschätzte 150 Tiere erholt, gingen sie nach der Aufforstung in den Folgejahren immer weiter auf aktuell rund 30 zurück. Ein Teil der Tiere ist aus Tschechien eingewandert, wo es in der dortigen Kammregion noch um die 350 Birkhühner gibt. Dabei gab es seitens des Sachsenforstes in der Vergangenheit angesichts der alarmierenden Zahlen durchaus Versuche, das Birkhuhn zu retten. So wurden Flächen verzögert aufgeforstet und sogar Balzplätze geschaffen.

An einer von Waldstücken umgebenen freien Fläche heißt es Stopp. Gläßer schaut sich vorsichtig um. Kurz darauf fliegt ein Huhn ganz in der Nähe in die Höhe und ist wenige Sekunden später wieder verschwunden. In der Mitte der Fläche befindet sich ein wenige Quadratmeter großes Areal mit lockerer Anpflanzung von Bäumen und verrotteten Zäunen. Der Sachsenforst habe es für den Birkhuhnschutz angelegt, sagt Jan Gläßer. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Am Rand des Areals stehen Fichten-Monokulturen. Die Bäume bilden eine dichte Mauer, die für die Birkhühner eine Barriere bilden. Der Wald gleicht eher einer Baumplantage. Nur vereinzelt gibt es aufgelockerte Stellen, in die sich die Tiere zurückziehen können.

Zurück zum Anfang der Tour. Auf dem Balzplatz sind noch immer Birkhühner in der Ferne zu erkennen. Die Sonne steht nun etwas höher. Die Balz neigt sich dem Ende entgegen. Udo Kolbe und Jan Gläßer erklären, dass es sich um eine private Fläche handle, die nicht vom Sachsenforst bewirtschaftet wird. Beide sind froh darüber. Sonst wären die Birkhühner wohl schon jetzt nicht mehr in der Region. Angesichts sinkender Bestände müsse schnell etwas passieren, fordert Kolbe: "In wenigen Jahren könnte es zu spät sein."


Einigung steht noch immer aus

Die Naturschützer fordern, dass in Sachsen mindestens 0,8 Prozent des Waldes des Sachsenforstes dem Schutz des Birkhuhnes und weiterer seltener Arten zugute kommen sollte. Dies entspräche einer Fläche von etwa 1730 Hektar. 208.000 Hektar werden aktuell vom Staatsbetrieb bewirtschaftet. Kritisiert wird von den Naturschützern: Das vom Freistaat zugesagte Artenhilfsprogramm liege noch immer nicht vor. Den Entwurf hatten sie als unzureichend abgelehnt.

Der Freistaat benötigt eigenen Worten zufolge mehr Zeit. Es werde sich um ein Artenhilfsprogramm bemüht, das die Zustimmung aller findet, teilte das zuständige Umweltministerium erst kürzlich mit. Im Kern geht es um die Frage, wie viel Fläche für den Birkhuhnschutz genutzt und demzufolge nicht mehr intensiv bewirtschaftet werden sollte. (geom/suki)

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