Wie Mühle von der Corona-Krise profitiert

Der Rasierutensilien- Hersteller aus Hundshübel ist 75 Jahre alt geworden. Die Pandemie war kein gutes Vorzeichen für ein Jubiläum. Aber es geschah etwas Überraschendes.

Hundshübel.

Kurz vor dem Lockdown hielt sich Mühle-Geschäftsführer Andreas Müller (43) in London auf, wo die Hundshübeler seit November 2018 einen Laden für Rasier-Zubehör betreiben. Neben ihrem Geschäft in den Hackeschen Höfen Berlin zeigt die Adresse im angesagten West End, dass Mühle mittlerweile zu den exquisiten Marken der Welt zählt. Bei dem Termin stand die Eröffnung eines Barbershops an, in dem Kunden sich stilvoll die Bärte stutzen lassen können.

"Es war unwirklich", beschreibt Müller die Atmosphäre in der Millionenmetropole. "Man war ständig am Händewaschen." Nach seiner Rückkehr ins Erzgebirge wurden die Corona-Schutzmaßnahmen in Kraft gesetzt. Im April verzeichnete Mühle einen Auftragseinbruch, aber die Produktion kam niemals zum Erliegen. Im Mai ging die Zahl der Aufträge nach oben und der Juni, sagt Müller, sei phänomenal gewesen. "So stark wie nie zuvor." Derzeit deute sich an, dass man den Umsatz im Krisenjahr 2020 steigern könne.

Er hat eine Erklärung für diese Entwicklung: "Corona wirkt wie ein Katalysator für Strömungen, die sich zuvor schon angedeutet haben." Im Fall von Mühle sei dies Nachhaltigkeit. Der bereits seit Jahren steigende Absatz von Rasierhobeln habe damit zu tun, dass Einwegrasierer immer weniger gefragt sind. "Wir haben gezielt Kunststoffe aus unseren Verpackungen rausgenommen, auf Pappe und Papier umgestellt", sagt Müller. "Wir versenden alle Pakete CO2-neutral. In unserer Kosmetik werden fair gehandelte Zutaten eingesetzt." Die Kosmetiklinie wird zwar auswärts gefertigt, bestehe aber nicht aus Fremdprodukten, auf die einfach das Mühle-Logo gepappt wird. In jeder Creme oder Seife steckten eigene Anforderungen und Erfahrungen. "Die Kosmetikentwicklung ist oftmals schwieriger, als ein neues Rasierset zu designen", sagt Andreas Müller.

Die Hans-Jürgen Müller GmbH & Co AG, die heute fast nur nach ihrer Hausmarke - der Mühle - genannt wird, ist zu einem Unternehmen mit 72 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz im zweistelligen Millionenbereich gewachsen.

Der Weg ins Londoner Renommierviertel begann vor 75 Jahren in der Waschküche von Johannes und Magdalene Müller, die im ersten Friedenssommer nach dem Zweiten Weltkrieg anfingen, Bürsten und Pinsel im kleinen Stil zu fertigen. "Vom Handfeger bis zum Rasierpinsel. Alles, was sich verkaufte", sagt Hans-Jürgen Müller (78), der die Firma seiner Eltern nach der Wende reprivatisierte und den Grundstein für den heutigen Erfolg legte.

Dazwischen lagen die Jahre in der DDR, in denen die Firma sich auf Rasierpinsel spezialisierte und zeitweise 45 Arbeiter hatte, dann aber verstaatlicht und ein Betriebsteil der VEB Bürstenwerke Schönheide mit insgesamt 3000 Leuten wurde. Mit Begeisterung sei er nicht in die Selbstständigkeit gegangen, sagt Hans-Jürgen Müller über die Zeit nach 1990. "Bis 1995 haben wir ständig überlegt: Wie geht es weiter?" Zeitweise konnte er gerade mal drei Mitarbeiter beschäftigen.

Der Aufbruch in sicheres Fahrwasser begann 1995, als ein großer Rasierapparatehersteller anfing, seine Rasierpinsel in Hundshübel fertigen zu lassen. Ein weiterer Meilenstein war der Aufbau einer vollstufigen Produktion, der 2008 anfing, als Müllers Söhne Andreas und Christian (47) die Firma als Geschäftsführer übernahmen. "Bis dahin hatten wir nur die Pinselköpfe produziert. Die Griffe stammten von Zulieferern. Jetzt machten wir das selber, um unsere Design-Ideen 1:1 umsetzen und die Qualität besser kontrollieren zu können", sagt der Seniorchef.

Zu den Pinseln gesellten sich Rasierhobel, Pflegeprodukte und Zubehör. Komplettrasur made in Hundshübel. Bald übrigens nicht mehr nur für Männer. "Wir haben mitbekommen: Auch Frauen benutzen unsere Rasierhobel. Daher arbeiten wir an Produkten, die auch für die Bedürfnisse von Frauen geeignet sind", verrät Andreas Müller. Das ist ein Projekt, auf das sich die Corona-Pandemie ausgewirkt hat. Die Entwicklung habe sich verzögert. "Aber da kommt in naher Zukunft etwas."

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