Wird die Bahnstation ausrangiert?

Das Erzgebirge ist einzigartig - auch wegen der Sprache. "Freie Presse" hat den Leuten aufs Maul geschaut. Heute: Das Erzgebirgische Mundarttheater Hormersdorf startet in seine 24. Spielsaison.

Hormersdorf.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er etwas erzählen. Im Sinne des Volksmundes nimmt der Erzgebirgische Theaterverein Hormersdorf sein Publikum mit auf eine heitere Bühnentour. Die Akteure wissen in ihrer jüngsten Inszenierung Lachmuskeln strapazierend jenes Geschehen zu erzählen, wenn die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesenen Haupthelden gar nicht erst aus dem Heimatort hinauskommen. Heiter-dramatisch thematisieren die Vereinsfreunde in dem Vierakter in heimischer Mundart die Pannen des Dienstleistungsunternehmen Eisenbahn, aber auch die Reaktionen der Reisenden werden ins kabarettistische Visier genommen.

Die kleine, an einer Nebenstrecke liegende Station namens Dorfchemnitz ist im Zeitalter der Deutschen Reichsbahn in den 1980er-Jahren der Schauplatz des rund zweistündigen Aufenthalts für Schauspieler und Publikum unter dem Titel "Fuftsch Minuten Verspätung". Was heutige Bahncardbesitzer und reiselustige Zeitgenossen aus eigenem Erleben berichten, ist keine neue Erfindung: Zugverspätungen waren auch schon zu DDR-Zeiten ein Ärgernis.

Im Warteraum des von der Schließung bedrohten, weil unrentablen Bahnhofs kommen Befindlichkeiten ins Signallicht. Stationsvorsteher Petzold (Michael Bucks) und Kioskbesitzerin Grete (Birgit Fichtner) halten den Dienstbetrieb am Laufen, trotz des befürchteten betriebswirtschaftlichen Aus. Aufopferungsvoll bemühen sie sich, den Dienst am Kunden serviceorientiert zu organisieren. Ein jeder im Saal vermag sich in die Familie Thea (Antje Unger) und Otto (Michael Ullmann) zu versetzen, die im Hochgefühl der beginnenden Urlaubsreise nicht aus dem Bahnhofskabuff herauskommen: Sie müssen den Schnellzug in Karl-Marx-Stadt erreichen, weil ihr Flieger von Dresden-Klotzsche nach Barth nicht warten wird. Der Ostsee-Urlaub droht ins Wasser zu fallen. Als schließlich auch Dagmar (Gudrun Drummer) und Christa (Monika Hilpert) vom VEB Stola um ihren lang geplanten Betriebsausflug nach Meißen zur Beschaffungstour von Bück-Dich-Ware fürchten müssen, sehen alle Betroffenen Rot. Und dann kommt obendrein noch der Reichsbahninspektor zur Kontrolle.

Mit Routine verstehen die Gastgeber ihr Publikum unter der Spielleitung von Birgit Fichtner und Peter Uhlmann zu begeistern. Klar, dass auch das Bühnenbild und die Technik in Eigenregie gestaltet und betreut werden. Zudem übernimmt ein Team das Catering. Strickerin, Krankenschwester, Hörgeräteakustikerin, Bankkauffrau, Angestellter, Lehrer, Schüler und Azubi legen sich für ihr liebstes Hobby mächtig ins Zeug. "Die Schauspielerei ist ein willkommener Ausgleich zum Alltag. Es macht allen riesigen Spaß, ein aufgeschlossenes Publikum zu unterhalten", sagt Antje Unger, die der Truppe sei t 2008 die Treue hält. Ausverkaufte Häuser sind den Hormersdorfern gewiss. Seit der ersten Inszenierung 1993 hat sich das Ensemble, in dem der Jüngste in dem 84 Mitglieder zählenden Verein 13 Jahre ist und die erfahrenste Akteurin die 70 Lenze überschritten hat, einen Namen für vergnügliches Schauspiel erarbeitet. "Neun Vorstellungen finden statt, alle sind sie ausverkauft", sagt Vereinschef Michael Ullmann. Die Premiere stand am Sonnabend auf dem Plan. Bereits nach dem Sommer werden die Hormersdorfer, Günsdorfer, Jahnsdorfer und Auerbacher in die bevorstehende 25. Jubiläumssaison starten.


Erzgebirgswort 2017 gesucht

Der Erzgebirgsverein sucht gemeinsam mit der "Freien Presse" das Erzgebirgische Mundartwort des Jahres 2017. Der Auftakt für die Aktion wurde zu den 25. Erzgebirgischen Schnitzertagen in Annaberg-Buchholz Anfang März vollzogen.

Einheimische, aber auch Gäste der Region sind aufgefordert, ihren Vorschlag für ihr Lieblingswort in erzgebirgischer Mundart einzureichen. Für den Begriff ist eine kurze hochdeutsche Übersetzung hinzuzufügen. Zudem sollte der Einsender Name und die Kontaktdaten angeben.

Für die Einreichung der Vorschläge gibt es mehrere Möglichkeiten. So können sie auf dem Postwege an die Geschäftsstelle des Erzgebirgsvereins, Markt 6, in 08289 in Schneeberg oder an die "Freie Presse", Lokalredaktion Annaberg, Markt 8 in 09456 Annaberg-Buchholz gesendet werden.

Einfacher geht es Online: So können Sie Ihr Lieblingswort und die Erläuterung ebenso via E-Mail an Red.Annaberg@freiepresse.de oder info@erzgebirgsverein.de übermitteln.

Einsendeschluss für die Vorschläge ist der 30. September 2017.

Eine Jury aus Mundartautoren, Sprachwissenschaftlern, Journalisten und Künstlern wird dann im Oktober aus den eingegangenen Zusendungen zunächst die Top-Zehn ermitteln. Unter diesen kürt dann nicht nur die Jury ihr Sieger-Mundartwort des Jahres 2017. Auch die Öffentlichkeit kann dann per Online-Abstimmung ihren Favoriten bestimmen.

Im Rahmen einer Abschlussveranstaltung werden im November 2017 der Siegerbegriff der Jury sowie die Publikumswertung bekannt gegeben. Die von den Lesern der "Freien Presse" bislang bereits eingereichten Lieblingsworte werden in die Wertung mit eingehen.


Leservorschläge Mundartwörter

Aarbern

so bezeichnen wir Kartoffeln.

Volkmar Lange, Döbeln

Bussit

Bezeichnung für Wut und Ärger.

Ulrike Flemig, Rittersgrün

Gehmohl

Rückblickend im Sinne von neulich, aber nicht so weit wie mit salling.

Armin Schreiter, Arnsfeld

Rimsbraazen

Zugleich Arme und Beine spreizen.

Gisela Georgi, Markersbach

Gunscheln

Bezeichnung für Tannenzapfen.

Peter Gebel, Pockau

ah Seifensieder aufgieh

Im ironischen Sinne gemeint: Wenn jemandem ein Licht aufgeht.

K. Päßler, Stützengrün

Bubelatsch

Zwischenboden zum Ablegen aller möglichen Dinge.

Karl Stitz, Marienberg

Hietrabratl

Das Servierbrett beziehungsweise Tablett zum Bedienen.

Wilhelm Schwiening, Falkenbach

Kontakt: "Freie Presse" , Lokalredaktion Annaberg, Markt 8 in 09456 Annaberg-Buchholz oder Red.Annaberg@freiepresse.de

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