Wolkenstein ab kommendem Monat ohne Hausarzt

Droht schon bald der große Mangel? In der Bergstadt gibt es ab Oktober keinen niedergelassenen Allgemeinmediziner mehr - obwohl sich die Kommune bei der Nachfolgersuche mit engagiert. Bisher erfolglos. Doch die derzeitige Situation hätte womöglich verhindert werden können.

Wolkenstein.

Noch bis Ende des Monats wird sie Blutdruck messen, abhören und Medikamente verschreiben - dann ist Schluss und Wolkenstein hat eine Sorge mehr. Bettina Wenzel, Allgemeinmedizinerin und seit vielen Jahren in der Bergstadt ansässig, geht in den Ruhestand und schließt ihre Praxis. Ein Nachfolger ist bislang nicht gefunden und das ist für die Menschen in der Stadt mitunter ein Problem.

"Es gibt keinen Nachfolger", sagt Wenzel. "Die Situation für die Leute wird in den nächsten Jahren hier schwierig." Sie habe ihre Patienten schon seit Längerem über die bevorstehende Schließung der Praxis informiert und konnte maximal auf Ärzte im Umfeld verweisen. Doch allein das ist ein Problem für viele: Zur Behandlung müssen sie künftig andere Kommunen aufsuchen. "Die Patienten müssen fahren oder gefahren werden," sagt Wenzel - insbesondere für ältere und jene mit Gehbehinderung eine Herausforderung. Auch mit zeitaufwendigen Hausbesuchen könnte es künftig Probleme geben.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen (KV) gibt es im ehemaligen Mittleren Erzgebirgskreis derzeit acht offene Hausarztstellen. Der Versorgungsgrad liegt demnach bei 87 Prozent. Erst bei einer Quote von 100 Prozent wären im Verhältnis zur Bevölkerung so viele Ärzte im Einsatz wie benötigt. Schlimmer sieht es im Raum Stollberg aus. Dort fehlen 14 Mediziner, die Region hat mit 76,30 Prozent den mit Abstand niedrigsten Versorgungsgrad im gesamten Erzgebirgskreis. Die höchste Dichte an Hausärzten und einen Versorgungsgrad von 94,5 Prozent weist der Altkreis Aue-Schwarzenberg auf. Insgesamt sind im Erzgebirgskreis 40,5 offene Hausarztstellen zu besetzen. Im Vorjahr war die Zahl ähnlich.

Doch warum ist das so schwierig, zumal es künftig noch mehr Arbeit für Ärzte gibt? "Im Schnitt sind die Mediziner hier im Kreis 56 Jahre alt, ein Drittel von ihnen sogar älter als 60", weiß Bettina Wenzel. Das bestätigt Markus Hübschmann, Abteilungsleiter Sicherstellung bei der KV in Chemnitz. Aktuell seien 79 der insgesamt 208 Hausärzte im Erzgebirgskreis 60 Jahre und älter. Das sind ganze 38 Prozent. Noch vor einem Jahr waren es 31 Prozent.

Laut Hübschmann sei es leider so, dass in der Regel nur noch junge Ärzte in der Region arbeiten wollen, die einen Bezug zu dieser haben, etwa dort geboren sind. "Die Versorgungsprobleme im Erzgebirgskreis unterscheiden sich damit nicht grundlegend von denen in anderen Regionen", so der KV-Abteilungsleiter. "Die Besetzung von Praxen scheidender Vertragsärzte gestaltet sich bundesweit insbesondere bei Hausärzten zunehmend schwieriger." Patienten müssten perspektivisch mit weiten Wegen bis zum nächsten Hausarzt rechnen.

Bettina Wenzel übt im speziellen Fall von Wolkenstein allerdings auch Kritik an der KV. Dort sei schon lange bekannt, dass sie in den Ruhestand gehen wird. Sie selbst habe auf der Suche nach einem Nachfolger Anzeigen geschaltet und geworben. Dann habe sie plötzlich erfahren, dass sich eine Kollegin neu in Marienberg niedergelassen hat. "Wir wussten beide nichts voneinander. In dem Fall hätte die KV doch vorher den Kontakt zwischen uns vermitteln müssen", meint Wenzel. Dann hätte zumindest die Möglichkeit bestanden, mit der Kollegin ins Gespräch zu kommen und auf den drohenden Leerlauf in Wolkenstein hinzuweisen. Vielleicht hätte sich die neue Ärztin für Wolkenstein entschieden

Für Bettina Wenzel war das nicht die einzige Enttäuschung. Schon vorher gab es eine Interessentin, die dann aber doch noch abgesprungen ist. Auch Wolkensteins Bürgermeister Wolfram Liebing hat sich in die Suche nach Ärzten eingeschaltet und für seine Stadt als Standort geworben. Bisher jedoch erfolglos. Wenzel findet das gut. Sie regt sogar an, dass ärztliche Versorgung langfristig zur Pflichtaufgabe der Kommunen werden sollte, so wie es jetzt beispielsweise schon die Kinderbetreuung ist. Wenn der Staat auf diese Weise Verantwortung übernehmen müsste, könne dem drohenden Ärztemangel möglicherweise effektiver begegnet werden.

Laut KV hat bisher nur Heidersdorf als einzige Kommune im ehemaligen Mittleren Erzgebirgskreis keinen Hausarzt mit Hauptsitz. Dort werde die Versorgung mittels einer Zweigpraxis geregelt. Um angesichts der Lage Anreize für Berufsnachwuchs auf dem Land zu schaffen, gibt es laut KV Förderungen in Form von Pauschalzahlungen. Außerdem würden Praxisübernahmen, Neuniederlassungen oder der Einrichtung von Zweigpraxen finanziell unterstützt. Ob allein dieser finanzielle Anreiz genügt, zweifel Wenzel allerdings an: "Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um die Infrastruktur, die junge Leute fordern." Der Strukturwandel sei an dieser Stelle deutlich zu spüren. Dabei wirkt es fast ironisch, dass ihre Patienten bald ebenfalls eine gute Infrastruktur brauchen - um den Weg zum nächstgelegenen Arzt bewältigen zu können. (mit tw)

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