Zum Büchertausch in die Telefonzelle

Kein Platz mehr im Regal. Zum Wegwerfen zu schade. Doch wohin mit dem ausgelesenen Schmöker? In eine Bücher-Box zum kostenlosen Tauschgeschäft gegen ebenfalls gebrauchten Lesestoff. Seit gestern gibt es diese Möglichkeit auch in Zschopau.

Zschopau.

Eine Telefonzelle der besonderen Art ist gestern am Schloss Wildeck in Zschopau eröffnet worden. Einen Hörer sucht man dort vergebens, dafür sind die Augen umso mehr gefordert. Denn im Prinzip besteht der winzige Raum direkt neben dem Spielplatz am Bärengarten nur aus einem riesigen Bücherregal, in dem jeder Besucher nach Belieben stöbern darf und soll. Schließlich handelt es sich bei diesem Objekt um eine Bücher-Box, die sich ständig verändern soll. So funktioniert's: Wer ein Buch herausnimmt, stellt dafür ein anderes hinein.

Während es hinter der Kreisgrenze - etwa im Schlosspark Lichtenwalde - schon Tauschzentralen gibt, ist es in der Region die erste ihrer Art. "Das ist eine kleine Attraktion, wie man sie in unzähligen Städten auf der ganzen Welt findet", sagt Silke Dost. Für die Leiterin der Stadtbibliothek waren Fotos, die Menschen rund um den Globus an solchen Büchertauschzentralen aufgenommen haben, schon seit Jahren eine Inspiration. Mithilfe des Fördervereins der Bibliothek und der Stadt konnte das Projekt nun umgesetzt werden.

Dass es so lange gedauert hat, lag vor allem daran, dass gebrauchte Telefonzellen schwer zu finden sind. "Bei Sammlern und Geschäftsleuten sind die sehr beliebt", sagt Silke Dost, die allerdings Unterstützung von einem Bekannten erhielt, der bei der Telekom arbeitet.

Aus der Nähe von Berlin, wo alte Telefonzellen aufbereitet werden, wurde ein Exemplar in die Motorradstadt geliefert und mit knapp 100 Büchern gefüllt. Nachdem die Fördervereinsvorsitzende Luise Richter gestern feierlich das rote Band durchtrennt hatte, wagte sich Annerose Götz als erste Nutzerin in die Bücher-Box. "Das ist wie Pilzesuchen, man wird auf jeden Fall etwas finden", sagte die 71-jährige Zschopauerin. Sie hält das Projekt ebenso für eine gute Idee wie Ute Palm, die kurz darauf ins Regal griff. Aber statt ein Buch zu nehmen, stellte sie zwei hinein. Anders als in Chemnitz, wo die Zschopauerin zwei Büchertauschzentralen mit relativ leeren Regalen kennt, soll die Auswahl in ihrer Heimatstadt groß sein und bleiben. "Außerdem habe ich so viele Bücher zuhause. Es wäre doch schade, wenn sie dort nur herumliegen", erklärte Ute Palm.

Dass man ein Buch nicht einfach wegwirft, ist auch für Matthias Zwarg, Leiter des Buchprogramms von "Freie Presse", leicht erklärbar: "Weil Lesen bildet. Ein gutes Buch ziehe ich dem E-Book oder dem Bildschirm vor. Es gibt in Bibliotheken und Antiquariaten echte Schatzkisten, in denen ich oft fündig werde."

"Eine gute Geschichte", findet auch Manuela Neubert das neue Angebot nicht schlecht. "Vielleicht gefällt Leuten das geliehene Buch ja so gut, dass sie es dann im Neuzustand kaufen, um es zu verschenken", so die Mitarbeiterin einer Marienberger Buchhandlung weiter. Dass Bücherfreunde künftig nur noch zur Tauschbörse statt in den Buchladen gehen, glaubt sie nicht: "Bücher werden immer gekauft."

"Eine Super-Sache für Bücherfreunde", meint Waltraud Krannich. "Die Idee hat schon vielerorts Freunde gefunden. Schön, dass es jetzt auch in Zschopau einen öffentlichen Bücherschrank gibt." Bücher gehörten nun mal zu den Dingen, die sich gut mehrfach nutzen lassen. "Viele Menschen können sich so ein Buch teilen, ohne dass einer von ihnen es besitzen muss", sagt die gebürtige Rübenauerin, die nach dem Abitur in Olbernhau eine Ausbildung zur Diplom-Bibliothekarin und zur Diplom-Journalistin absolvierte und seit 1994 als freiberufliche Autorin arbeitet. Nach ihrem 2017 herausgegeben Buch "Flehentlich mit seinem Weibe" über die Besiedlung des Erzgebirgskamms am Beispiel von Rübenau erscheint demnächst übrigens ein "Erzgebirgisches Wörterbuch" über west- und mittelerzgebirgische Mundart. Eine öffentliche Buchvorstellung mit Liedern, Versen und Geschichten sei geplant - jedoch nicht in einem wetterfesten Regal im Park oder einer ehemaligen Telefonzelle.


Vom Kinderbuch bis hin zu Christa Wolf

Der erste Tausch war schon zwei Minuten nach der Eröffnung vollzogen. Mit "Jozef Filsers Briefwexel" fügte Annerose Götz der Box gleich mal ein humorvoll-satirisches Buch hinzu. Dafür verschwand "Die Klinik" - ein Roman, der hinter die Kulissen eines Krankenhauses blickt. Doch keine Angst, es sind noch genügend Bücher in der Zschopauer Bücher-Box zu finden. Das Angebot ist vielfältig, der Anspruch soll dabei aber nicht zu weit nach oben geschraubt werden.

Auf Belletristik liegt zunächst das Hauptaugenmerk. Denn Besuchern, die sich mal schnell Lektüre für den Schlossgarten besorgen wollen, sollen mit leichter Kost unterhalten werden. "Hummeldumm" lädt dabei zum Schmunzeln ein. Genauso sind aber Thriller und Krimis zu finden. Bis hin zu Werken von Christa Wolf wie "Der geteilte Himmel" reicht die Spanne. Sach- und Kinderbücher liegen ebenso im Regal, weil auch Kinder vom Spielplatz ja mal reinschauen könnten. Doch das Angebot kann sich schnell ändern, je nach den Vorlieben der Nutzer der Box. (anr)

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