Zurück mit Lyrik am Ort der eigenen Jugend

Wolfram Liebing und die "Wolkensteiner Randerscheinungen" haben der Borstendorfer Floßmühle einen literarischen Besuch abgestattet. Mit dabei: ein einheimisches Urgestein.

Borstendorf.

Einen sowohl unterhaltsamen als auch nachdenklichen Abend mit Lyrik, Musik und Prosa haben der Wolkensteiner Wolfram Liebing und die "Wolkensteiner Randerscheinungen" den rund 50 Besuchern im kleinen Bistro in der Borstendorfer Floßmühle bereitet. Dorthin hatten die Floßmüller um Kathrin Ardelt zu ihrem vierten Stammtisch eingeladen. Der Abend stand unter dem Motto "Worte aus den grünen Trümmern der Treuhand".

Für den Wolkensteiner Bürgermeister war es ein Heimspiel. Wolfram Liebing wurde dort 1955 geboren und lebte bis 1977 in Floßmühle. Er erzählte von seinem Großvater Arno und Vater Willi, die beide bis zum Ende des Betriebes nach der Wende in der Getreidemühle beschäftigt waren. Der schreibende Ortschef hatte für die Lesung sein Treppentheater mit der "kleinsten Bühne der Welt" mitgebracht und las aus den drei veröffentlichten Gedichtheften "Ruhestörung" (1999), "Hirn-Hälften Dominanz" (2003) und "Tropfen" (2009) Verse zwischen Verbitterung und Hoffnung, gewürzt mit einem kräftigen Schuss Ironie. In seinem Gedicht "Diplomatieversagen" prangerte er den Wildwuchs einer geldgierigen Marktwirtschaft als "unsichtbare Zerstörung eines Krieges" an. Sein einstiger Heimatort sei dafür ein trauriges Beispiel. In dem Gedicht "Für Horst" beschreibt Liebing einen Friedhofsbesuch in Borstendorf und erinnerte an seinen verstorbenen Freund aus Kindertagen.

Christoph Ulrich

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Selbstgemachte Lyrik der leisen Art mit Gänsehautgarantie hatten die "Wolkensteiner Randerscheinungen" Claudia-Amba Funk, Katrin Albrecht und ihr Sohn Ben zum Stammtisch mitgebracht. Doch auch sie kamen nicht ohne Kritik aus, etwa wenn Ben Albrecht in "Energieblockade" Kritik ansetzt.

Mit Dieter Fritzsche las an diesem literarischen Abend ein Borstendorfer Urgestein und der ehemalige Deutschlehrer von Wolfram Liebing. Der Verseschreiber und Verfasser politischer Satire baute mit seiner Gebrauchslyrik die literarische Brücke weg von ernster Selbstbetrachtung hin zu den kleinen Problemen und großen Unzulänglichkeiten im Alltagsdasein der Borstendorfer. Seit Jahren veröffentlicht der heute 71-Jährige seine Werke im Amtsblatt des Ortes als erfrischendes Pendant zu den nüchternen Nachrichten aus dem Rathaus.

"Satire muss aktuell sein", lautet sein Credo, dem Fritzsche auch an diesem Abend treu geblieben ist. Seinen "Floßmühler Lobgesang" habe er extra für diese Lesung verfasst. Schwer sei es ihm nicht gefallen, diesen "besonderen Menschenschlag" in Worte zu kleiden und reimt über den sportprominenten Weber Fritz, seinen einstigen Schüler Wolfram und eine Floßmüllerin, die jetzt sogar den Verwaltungsverband leitet - Kathrin Ardelt.

Musikalisch nahm Berndt-Michael Rassenberg die Borstendorfer und ihre Gäste mit auf eine weite Reise über Schottland bis nach Nordaustralien. Seine Dudelsackmusik und das Spiel auf dem Didgeridoo, dem traditionellen Musikinstrument der australischen Aborigines, rundeten die Veranstaltung auf angenehme Weise ab.

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