Essen auf Kredit und Lochkarte

In der Ausgabe vom 30. Mai hatte Onkel Max die Frage von Bettina Mette aus Limbach-Oberfrohna nach Erinnerungen an ein Schnellrestaurant an die Leser weitergegeben, das sich zu DDR-Zeiten in der Zwickauer Hauptstraße befunden hatte. Es kamen zahlreiche Zuschriften, aus denen hervorgeht, dass es sich offenbar um ein verbreitetes System gehandelt hat. Doch zunächst zu Zwickau. Dort lag das Restaurant offenbar zunächst in einem anderen Gebäude an der Hauptstraße. Rolf Zenker berichtet aus den späten 50er-Jahren: "Sehr vage meine ich mich zu erinnern, dass dieses Restaurant im damaligen HO Warenhaus in der ersten Etage auf der Seite der Hauptstraße war. Und wenn mich nicht alles täuscht war nur der Zugang über das Warenhaus, das eigentliche Restaurant war im Nachbarhaus." Der Zwickauer Dietmar Dörrer schreibt aus seinen rund 40 Jahre zurückliegenden Erinnerungen: "Ich war von 1976 bis 1980 Student an der Hochschule Zwickau. Aus dieser Zeit ist mir das Restaurant noch gut in Erinnerung." Unter Studenten habe man es als "Ticketbar" bezeichnet. "Der Eingang befand sich Ecke Hauptstraße/Obere Gasse. Nach der ersten Tür teilte sich der Eingang. Rechts ging es in die Gaststätte, wo man auch das Ticket erhielt. Links war der Ausgang, wo sich auch die Kasse befand. Das Ticket war ein dünner Pappstreifen, der mit allen zu DDR-Zeiten im Umlauf befindlichen Münzwerten mehrfach bedruckt war. Auf Verlust des Tickets stand eine Strafe, die beim Verlassen der Gaststätte zu zahlen war. An der Theke bekam man Kuchen, Torte, Kaffee und kleine Speisen. Der entsprechende Betrag wurde mit einer Lochzange auf dem Ticket gekennzeichnet, also bei einem Betrag von 1,18 Mark wurden je einmal 1 Mark, 10 Pfennige, 5 Pfennige und dreimal 1 Pfennig gelocht. Nach Verzehr ging man zur Kasse am Ausgang, wo die einzelnen gelochten Positionen zusammengerechnet wurden, und man bezahlte. Da wir während des Studiums öfters dort zu Gast waren, muss es auch geschmeckt haben. Richtiges Mittagessen gab es meiner Meinung nach in den 70er-Jahren nicht mehr."

Andreas Ficker aus Zwickau berichtet, die Einrichtung habe damals den Namen "Stadtkaffee" getragen. In Zwickau muss es ein weiteres Restaurant dieser Art in der Bahnhofstraße gegeben haben, wie Wilfried Lori und Thomas Koutzky berichten. Laut Bernd Hermann aus Raschau habe es derlei auch in Schwarzenberg gegeben, wie auch Christian Bleyl aus Schwarzenberg berichtet, der eine entsprechende Karte, etwas anders als Dörrer sie beschreibt, im DDR-Museum in Dresden-Neustadt fotografiert hat (siehe oben). Auch in Glauchau habe es dergleichen in der Otto-Schimmel-Straße gegeben. Gisela Schmidt erinnert sich daran, Mitte der 50er-Jahre regelmäßig ein kleines Restaurant dieser Art im Chemnitzer Stadtteil Siegmar aufgesucht zu haben, das manchmal sogar Ananassaft im Angebot hatte. (tk)

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.