Für den Traum von Olympia: Turner ändert Hochzeitspläne

Die Verschiebung der Spiele von Tokio ins kommende Jahr hat für Nick Klessing Auswirkungen bis ins Privatleben. Rein sportlich könnte der gebürtige Vogtländer von der längeren Vorbereitungszeit aber sogar profitieren.

Halle/Rodewisch.

Für Nick Klessing kehrt in diesen Tagen ein Stück Normalität zurück. Das erste Mal seit Wochen ist der Nationalmannschaftsturner in der großen Trainingshalle des SV Halle nicht der Einzige, der an den Geräten schwitzt. Der 22-Jährige, der als Olympiakader mit einer Ausnahmegenehmigung auch in der Corona-Pause trainieren durfte, freut sich, dass die Nachwuchssportler ab sofort wieder für mehr Leben in der Bude sorgen. "Tag für Tag nur mit dem Trainer allein - das fängt irgendwann an zu nerven und keinen Spaß mehr zu machen", sagt Nick Klessing. Dabei versteht er sich im Normalfall mit seinem Trainer Hubert Brylok ausgesprochen gut.

Insgesamt vermittelt der Deutsche Meister und WM-Achte von 2019 an den Ringen ohnehin durchaus den Eindruck, dass er sich mit der aktuell immer noch ungewissen Situation arrangiert hat. "Das große Ziel bleibt Olympia, auch wenn es jetzt eben erst 2021 wird", sagt der gebürtige Rodewischer. Die Verschiebung im März kam für ihn nicht überraschend. "Wir haben schon in den Tagen zuvor im Training etwas rausgenommen, weil es sich abgezeichnet hat", sagt Nick Klessing. Als die Entscheidung raus war, gönnte er sich mehrere freie Tage am Stück, verbrachte Ostern zum ersten Mal seit langem nicht in einem Trainingslager und besuchte seine Eltern im Vogtland, wo Mutter Mandy Klessing weiter mehrfach in der Woche bei Nicks erstem Verein TV 1840 Falkenstein als Trainerin in der Halle steht.

Gesprächsthemen gab es da genug. Denn der Junioren-Europameister von 2016 an den Ringen muss nicht nur sportlich, sondern auch privat umplanen. Eigentlich wollten er und Freundin Sandra, die er in Halle kennen und lieben lernte, nämlich im nächsten Frühjahr heiraten. Da sich der Termin jetzt aber unter Umständen mit der Olympiaqualifikation überschneidet, wird das Paar die Hochzeit in die zweite Jahreshälfte verschieben. "Mit Tokio im Hinterkopf würde das für uns mit Sicherheit kein unbeschwerter Tag werden", sagt Nick Klessing. Er hofft außerdem, auch mit der Bundespolizei eine Lösung zu finden, um sich zielgerichtet auf den neuen Olympiatermin vorbereiten zu können. Denn eigentlich wollte er Anfang nächsten Jahres seine Ausbildung in Berlin abschließen.

Aktuell ist das 1,60-Meter-Kraftpaket aus dem Vogtland dabei, wieder körperliche Fitness aufzubauen. Was nach einem lockeren Einstieg klingt, bedeutet neben leichten Läufen und Krafttraining unter der Woche je zwei Einheiten in der Halle am Vor- und am Nachmittag. "Wenn der Wettkampf- und Termindruck fehlt, flacht auch die Leistungskurve ab", begründet der Turner das straffe Programm. Die abgeklärte und gelassene Art von Nick Klessing, der im Nationalteam zu den Youngstern gehört, erklärt sich aus seinen internationalen Erfahrungen in jungen Jahren. Nach einem fast schon reibungslosen Wechsel von den Junioren zu den Männern, den nur eine Verletzung im Jahr 2017 kurz stoppte, vertrat er Deutschland schon 2018 und 2019 jeweils bei der EM und WM.

Und während Nick Klessing an den Ringen mit dem Einzug ins WM-Finale im Vorjahr in Stuttgart und mit dem Dreifach-Salto als Abgang, den weltweit nur wenige turnen, schon aufhorchen ließ, fehlt ihm im Sprung noch ein Tick zur Weltspitze. Genau deshalb will er in seiner zweiten Schokoladendisziplin fürs nächste Jahr noch einen Schwierigkeitsgrad draufpacken. Den Doppel-Tsukahara gebückt, also ein Rad mit Vierteldrehung und zwei Salti, hat er zwar auch für dieses Jahr schon einstudiert. Doch ein Jahr mehr an Vorbereitung kann nicht schaden. "Es wäre mental sehr wichtig, wenn ich weiß, dass ich ihn sicher durchziehen kann", sagt Nick Klessing. Das Tückische ist die Rückwärtslandung. "Wenn vorwärts etwas schief geht, lande ich im schlimmsten Fall auf dem Arsch. Rückwärts kann dagegen sehr viel mehr passieren."

Ob und was in diesem Jahr in der Turnszene überhaupt passiert, ist momentan noch völlig offen. So steht beispielsweise die Entscheidung, ob die für Mai geplante EM in Baku (Aserbaidschan) im Herbst nachgeholt wird, noch aus. "Wenn ja, müsste man vorher ja auch die Deutsche Meisterschaft für die Nominierung nachholen", sagt Nick Klessing. Zudem ist er gespannt, inwiefern in diesem Jahr die Bundesliga-Kämpfe geturnt werden. 2019 war er mit dem Team des KTV Straubenhardt Deutscher Mannschaftsmeister geworden.

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