Flussperlmuschel: Der lange Weg vom Winzling zum Methusalem

"Kinderstube" für besondere Tiere: In einer Station bei Raun werden sie gezüchtet, aufgezogen, nach 15 Jahren ausgewildert.

Raun.

Eine weibliche Flussperlmuschel gibt 18.000 bis 252.000 Eier ab, im Laufe ihres Lebens bis zu 200 Millionen. Sie sind verschwindend winzig, nur mit geschultem Blick zu erkennen. Flussperlmuscheln messen nach der Befruchtung 0,05 Millimeter, setzen sich ab in den Kiemen von Forellen und leben dort neun Monate parasitär. Im Mai, wenn Temperatur und Bachbett geeignet sind, platzt die Zyste. Die Mini-Muschel fällt vom Wirt ab, gräbt sich im schlammfreien, kieseligen Untergrund ein. Nach ungefähr fünf Jahren misst sie zwei bis drei Zentimeter, kommt an die Oberfläche und bleibt dort den Rest ihres Lebens.

So läuft das in der Natur, schon zu Zeiten, als es in vogtländischen Gewässern massenweise Flussperlmuscheln gab. Sie sind durch Veränderungen ihrer Lebensbedingungen aber rar geworden. Um den Bestand wieder aufzubauen, zu erhöhen und Flussperlmuscheln im "Kindesalter" für die Auswilderung vorzubereiten, wurde vor acht Jahren von der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt bei Raun ein ehemaliger Bauernhof erworben und saniert. Er wird in Kooperation mit dem Landkreis und in Koordination mit dem Institut für Hydrobiologie der TU Dresden als Nachzuchtstation für Flussperlmuscheln genutzt.

"Für die halbjährliche Muschelzucht werden Bachforellen im Spätsommer mit Larven von erwachsenen Muscheln beimpft. Als Glochidien verbringen sie ihre erste Lebensphase parasitär an den Kiemen der Fische. Nach der Überwinterung werden die Larven in unsere Station überführt. Im Frühjahr, nach Abschluss der Metamorphose, verwandeln sie sich in kleine Jungmuscheln und fallen von den Kiemen der Wirtsfische ab. Wir ziehen sie einige Wochen unter optimalen Bedingungen auf. Im Sommer werden die knapp einen Millimeter großen Muscheln in Lochplatten in Aufzuchtgewässer überführt, dort noch einige Jahre in speziellen Käfigen gehalten, bis sie groß genug sind für das Aussetzen in ausgewählten Bachabschnitten. Dafür brauchen sie klares, schnellfließendes und sommerkühles Wasser, das kalk- und nährstoffarm und reich an Sauerstoff ist", erklärt Thomas Findeis vom Umweltamt des Landkreises Vogtland.

Flussperlmuscheln im Vogtland können bis zu 120 Jahre leben. Wie alt sie sind, lässt sich an Jahresstreifen - vergleichbar mit Jahresringen bei Bäumen - ablesen. Dass Flussperlmuscheln in der Rauner Station 15 Jahre lang aufgezogen, um dann in vier vogtländische Bäche ausgewildert zu werden, ist ein wichtiger Beitrag zum Schutz einer sensiblen Art. Sie sind ein Indikator der Qualität eines Gewässers. In Sachsen sind für bessere Lebensbedingungen der Muscheln landwirtschaftliche Pilotmaßnahmen geplant, die zu weniger Erosion und Stoffeinträgen sowie mehr Wasserrückhalt in der Landwirtschaft beitragen sollen. Da der große Betrieb Hofgut Eichigt mitarbeitet, können großflächige Habitatverbesserungen in einem wichtigen Einzugsgebiet der Weißen Elster erreicht werden.

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