Familiengeschichte(n) auf der Spur

DIE TAGESTOUR: Europäisches Wappenmuseum in Drachselsried (Bayerischer Wald) - Im Mai Umzug an den Rhein

Grafenried. Wer schon immer gerne wissen wollte, was andere Leute im Schilde führen, ist im Europäischen Wappenmuseum in Grafenried, einem Ortsteil von Drachselsried unterhalb des Arbers im Bayerischen Wald, genau richtig. Allerdings sollte man für die in einer ausgebauten Scheune untergebrachte Sammlung etwas Zeit mitbringen. Vor allem dann, wenn man mit Günter Kleinhenz ins Gespräch kommt. Der überaus freundliche Museumsgründer weiß zu jedem Ausstellungsstück packende Hintergründe zu erzählen.

Geschichte und Geschichten begegnen einem auch beim Gang durch die Sammlung auf Schritt und Tritt. Turniertafeln, Petschaften, Siegelringe, altehrwürdige Dokumente aus der Ritterzeit sind ebenso zu sehen wie Innungs- und Stadtwappen sowie künstlerisch aufwändig gestaltete Ahnentafeln berühmter Deutscher. Viel zu erfahren ist auch darüber, wie Familienwappen in den Alltag integriert wurden. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert waren sie, so Kleinhenz, beliebte Dekoration auf Wäschestücken, Bestecken, Gläsern, Porzellan, Trachtengürteln und hochkarätigem Goldschmuck. Aber auch über die Entstehung von Familiennamen gibt es lehrreiche Lektionen, die bei Besuchern geradezu die Neugier weckt, zum eigenen Namen auf Spurensuche zu gehen. Auch dabei ist Museumschef Kleinhenz - gegen einen Obolus - gern behilflich.

Schon seit mehr als 40 Jahren widmet sich der 67-Jährige der Wappen- sowie der Ahnen- und Namensforschung. Selbst während seiner Laufbahn als Opernsänger und seiner Professur an der Musikfakultät in Dublin hatte er sein Steckenpferd nie aus den Augen verloren. Vor fast zehn Jahren hängte er seine künstlerische Karriere an den Nagel und widmet sich seitdem mit aller Energie seinem europaweit einzigartigen Projekt. Auch seine Frau und sein Sohn hat er dafür eingespannt.

Mehr als 2,5 Millionen Wappennachweise weltweit, rund 2500 Bücher, über 3000 originale Handschriften, darunter zahlreiche jahrhundertealte Kaiserurkunden, hat er zusammengetragen - auf Auktionen ersteigert, aus Nachlässen abgekauft, in Antiquariaten aufgestöbert. Auf Mikrofiches verfilmte Kirchenbücher von 800 Millionen Familien weltweit sowie 350 Millionen familienkundlichen Aufzeichnungen machen Ahnenforschung bis ins frühe Mittelalter zurück möglich. "Dafür gibt es immer mehr Interesse", freut er sich und fügt stolz hinzu: "Was sie in keinem Staatsarchiv bekommen - wir haben es im Haus."

Bisher hat er mehr als 3000 Familiengeschichten erstellt. Jährlich bekommt er zahlreiche Anfragen, allein mehr als 100 aus dem Ausland. Jüngst konnte er für einen US-General namens Kipfstuhl herausfinden, dass dessen Vorfahren aus dem Württembergischen stammen. "Nur dort nannte man eine spezielle Futterschneidemaschine eines Hechslers ,Kipfstuhl'", erläutert Kleinhenz seine verästelten Recherchewege, bei denen er auch selbst immer wieder Neues kennen lerne.

Auch in Sachsen gebe es mittlerweile reges Interesse an Wappenkunde und Ahnenforschung. Mindestens 50 Familiengeschichten habe er schon verfasst. Oftmals gehe es darum, alte Familienwappen für die Firma wieder aufzunehmen oder zu ergänzen, wie jüngst ein Instrumentenbauer aus dem Vogtland.

Wer das Museum bei einem Abstecher ins Bayerische besuchen will, muss sich allerdings sputen. Bereits im Mai will Kleinhenz mit all seinen Schätzen an den Rhein in die Burg Linz, zwischen Königswinter und Neuwied gelegen, umziehen. Dort kann er nicht nur einen größeren Teil seiner Schätze ausstellen, sondern den Gästen noch mehr bieten. So befinden sich in dem alten Gemäuer eine originale Folterkammer sowie ritterliche Erlebnisgastronomie vom Feinsten.

Von Andreas Luksch


Informationen

Zu erreichen ist das Museum aus dem Sächsischen am besten über die A 72/A 93 und ab Deggendorf die B 11 Richtung Drachselsried. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 10 bis 17 Uhr. Weitere Informationen: Europäisches Wappenmuseum, Europäisches Archiv für Familienzusammenführung über genealogische und kirchliche Quellen, Grafenried 18, 94256 Drachselsried, Telefon: 09945/90 25 68, Internet: www.wappenakademie.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...