Ganz in Weiß: Im neuen Haftbefehl-Album quillt das Koks aus jedem Song

Der Rapper gehört spätestens seit seinem 2013er Hit "Chabos wissen wer der Babo ist" zu den Ikonen des deutschen Hip-Hop: An der Frage, inwiefern sein überdrehtes Gangster-Image Ernst oder doch Parodie ist, haben sich Szenegänger wie Hochkultur-Auguren abgearbeitet. Soeben hat er ein neues Album veröffentlicht - das erneut alle Klarheiten beseitigt.

Frankfurt (Main).

Direkt vorweg: Keine einzige Beatles-Referenz hat Haftbefehl auf "Das weiße Album" versteckt, und auch keine popkulturellen Querverweise etwa auf Jay-Z's "Black Album". Inhaltlicher Treibstoff und Namensgeber ist schlicht die Farbe der Droge Kokain - eigentlich wäre also braunes Paketband und eine charakteristische Ziegelsteinform auch eine fabelhafte Verpackung für den Tonträger gewesen. Denn das Koks quillt förmlich aus jedem der 14 Anspielpunkte, wie in einem der unzähligen Filme, in denen zur Qualitätskontrolle mit dem Messer in die Päckchen gestochen wird.

Der gebürtige Offenbacher Aykut Anhan, so will er es auf seinem sechten Haftbefehl-Album wohl andeuten, sieht die Quintessenz seiner gesamten Biografie in der pulverförmigen Droge. Seinen Künstlernamen gab er sich 2006, nachdem er aufgrund eines gegen ihn ausgestellten Haftbefehls, natürlich wegen dem Handel mit Kokain, in die Türkei floh, später in Amsterdam lebte und da begann, erste Texte zu schreiben. Wieder zurück in Offenbach betrieb er ein Wettbüro und feierte Achtungserfolge in der Straßenrap-Szene mit seinem ersten Soloalbum "Azzlack Stereotyp". Zwei Jahre später mit eigenem Label, Album Nummer 2, "Kanackis", in den Top Ten der Charts und Songs mit Jan Delay und Sido, findet sich Haftbefehl bereits auf der anderen Seite der Kokain-Nahrungskette wieder.

Sein unverkennbarer Stil hilft Anhan, neben seiner Fähigkeit atmosphärisch sehr dicht zu texten, zum vielleicht einflussreichsten Gangster-Rapper der letzten zehn Jahre zu werden. Im Land der Dichter, Denker und Streber-Rapper biegt er die deutsche Sprache mit französisch-arabisch-zazaischen Versatzstücken und stößt Rap-Erbsenzählern und Metaebenen-Feuilletonisten direkt zur Begrüßung auf "DWA" vor den Kopf, wenn er "Iglu" auf "Eskimo" reimt. Selbstverständlich baut er ein Iglu aus den Kokainpäckchen und hat mehr "Weißes" gesehen als ein Eskimo. Aus dem Kontext gerissen mag das wenig beeindruckend wirken - als Teil der ersten Singleauskopplung "Bolon", die ebenso das Album eröffnet und die Ästhetik eines drogendurchfluteten Dramas auf die Spitze treibt, ist die ambivalente Inszenierung jedoch perfekt. Erneut lässt sie offen, ob sie die bittere Wahrheit in der absichtsvollen Überdrehung zu verstecken versucht - oder ein Gangsterimage parodiert, an dem Teile der Hip-Hop-Szene ja genauso dranhängen wie an besagtem Stoff.

"Zwanzig Jahre Drogen warum ich mich schizophren verhalte" rappt er in "1999 Pt. 5" - einer Serie düsterer Reflexionsstücke, die auf dem Vorgängeralbum "Russisch Roulette" 2014 begann. (Danach kam lediglich ein mittelmäßiges Mixtape und ein seltsam klamaukiges Kollabo-Projekt mit Xatar.) Bis zur jetzigen Veröffentlichung neuer und unverfälschter Räuber-Musik war es ein harter, fast sechs Jahre langer Kampf, von dem die Öffentlichkeit nur hin und wieder kleine Anspielungen auf Twitter mitbekam.

Dafür kämpft Haftbefehl jetzt mit dem Rücken zur Wand - und auf "RADW" gegen den Beat. "Du versuchst so laut wie möglich den Beat zu machen" hört man aus der Sprachnachricht Haftbefehls an seinen Produzenten Bazzazian am Anfang des Songs: "Und ich schrei einfach rein, Bruder, und wir kämpfen einfach eins gegen eins!" Im darauffolgenden Bass-Sturm zieht die eindringliche, an sämtlichen Nerven zerrende Stimme eine Schneise der Verwüstung durchs Instrumental.

Die düsteren und abtrünnigen Seiten zwischen Reflexion und Drohgebärden sind auf den ersten Blick die interessanteren Facetten der Platte. Inhaltlicher Tiefpunkt ist das Shindy-Feature "KMDF" (steht für "Koka macht dich feucht"), das in seiner stumpfen, expliziten Art wie ein unangenehmes Relikt aus der Vergangenheit wirkt. Eben wie zwei zugekokste Männer im Club, die sich gegenseitig mit ihrer Selbstüberhöhung langweilen. Sollte dieser gescheiterte Versuch der Glorifizierung dieses Koka-Lifestyles auch ein künstlerischer Kniff im Kontext des Albums sein, wäre es ein glatter Blattschuss durch mehrere Metaebenen.

Auf dem "Splash!"-Festival 2018 in Gräfenhainichen konnte Haftbefehl sich einen eigenen Traum erfüllen und mit dem "East Atlanta Santa" Gucci Mane den gemeinsamen Song "ICE" aufnehmen. Spoilerwarnung: Auf das Album hätte er trotzdem nicht unbedingt gemusst, als nahtlose Einreihung in die endlose Anzahl unnötiger US-Features auf deutschen Rap-Alben. Neben A-Prominenz wie Marteria und UFO361 ist schon die bloße Anwesenheit von Shirin Davids Namen auf der Rückseite des Albums eine Provokation. Von allen Songs mit Gastbeiträgen ist "Conan X Xenia" jedenfalls der Stärkste: Dass nicht jede Frau nur Beiwerk in Anhans kokaingeplagtem Kopf oder bei wilden Clubexzessen ist, tut dem Album gut.

Die künstlerische Ambivalenz, mit der "Hafti" seit Tag 1 sein musikalisches Schaffen bestreitet, ist damit auch auf seinem sechsten Album dominant. Und weil Gegensätze nun mal in den meisten Menschen stecken, ist es auch meist interessant. Die Fallhöhe zwischen Koks-Partys, Koksverkaufen am Bahnhof und depressiven Nervenzusammenbrüchen vom Koksen sind Szenarien, die vermutlich wenige Menschen so dicht miteinander verweben können wie dieser Aykut Anhan aus Offenbach am Main. Allerdings wird sich "Das weiße Album" vermutlich immer an "Russisch Roulette" messen lassen müssen, das im direkten Vergleich bislang auch sein bestes Album bleibt.

Das Video zum Song "RADW" von Haftbefehl:

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