Garniert mit Schnappschüssen

Elke Heidenreich beweist sich in autobiografischen Kurzgeschichten einmal mehr als Meisterin der anekdotischen Literatur.

Die Medienkarriere Elke Heidenreichs begann als frech quasselnde Metzgersfrau Else Stratmann beim Südwestrundfunk. In dieser Rolle zog sie mit lo-sem Mundwerk Prominente durch den Kakao und attackierte die Welt der Schönen und Reichen. Ihrem Image als intelligente Plaudertasche blieb sie als Moderatorin von Fernsehshows wie "Spielraum" und "ZDF-Klassentreffen" treu. Später wandte sie sich intensiv dem Schreiben zu. Mit dem Erzählband "Kolonien der Liebe" landete sie 1992 den ersten großen Erfolg. Seither liegt ihr die Kurzprosa im Blut.

Das verdeutlicht ihr jüngstes Opus eindrucksvoll. Der Untertitel "Geschichten über Kleider und Leute" klingt zwar harmlos, doch je mehr man sich in das Buch vertieft, desto klarer wird, dass es sich hier um das persönlichste Werk der Erfolgsschriftstellerin handelt. In knapp gehaltenen Texten schaut sie zurück auf ihr turbulentes Leben. Diese Reminiszenzen muten nicht selten melancholisch an wie etwa in dem "Brief an mich als Sechzehnjährige": "Du warst kein lustiges Mädchen. Du warst gerade ein Jahr zuvor aus dem Elternhaus weggelaufen, bei Pflegeeltern schließlich mehr gestrandet als gelandet, und über Deine Pubertät und Dein Erwachsenwerden kann ich heute gar nicht lachen."

Elke Heidenreich garniert das Geflecht ihrer bewegenden Erinnerungen mit Schnappschüssen aus privaten Fotoalben. Mal erblickt man sie als hochgradig ernstes Kind beim Spielen der Ziehharmonika, dann wieder als kurzhaarigen Teenager mit todtraurigen Augen, später als lächelnde junge Frau im gerade frisch gekauften Dufflecoat. Mit diesem eleganten Dreiviertelmantel, der einen schicken Pelzkragen besaß, hatte es eine ganz besondere Bewandtnis. Die Studentin Elke Heidenreich probierte ihn im Geschäft nicht bloß an, sondern wollte ihn sofort am Leib tragen. Da sie zu dieser Zeit ziemlich arm war, blitzte in ihrem Gehirn eine verlockende Idee auf: "Keiner merkt, wenn du jetzt gehst. Du sparst einen Haufen Geld, du kannst einfach so rausspazieren, Etikett ist ab."

Die Episode mündet in eine Pointe, wie sie kaum typischer für Elke Heidenreich sein könnte. Diese Frau ist eine Meisterin der anekdotischen Literatur nach den Rezepten von Curt Goetz oder Erich Kästner. Sie kalkuliert stets den Knalleffekt ein, ohne dabei den Bogen zu überspannen. Souverän gebietet sie über die stilistischen Mittel, die es braucht, um sicher ins Schwarze zu treffen. Dieses Talent erweist sich an Storys, die sich um ihren Vater drehen, für den sie eine Hassliebe empfand: "Ich kann Männer in Kamelhaarmänteln nicht leiden. Ich kann nichts dagegen tun, kommt einer im Kamelhaarmantel daher, ist er für mich erledigt. Ich kann das nicht erklären. Der Psychologe würde sagen: Ja, weil Ihr Vater immer Kamelhaarmäntel trug. Der Psychologe hat recht. Keiner, keiner kann Kamelhaar so tragen, wie das mein Vater konnte. Darum soll auch keiner mehr Kamelhaar tragen. Schafft sie ab, die Kamelhaarmäntel. Ihre Zeit ist vorbei."

Mäntel aller Art ranken sich als Motiv wie ein roter Faden durch die faszinierenden Miniaturen von Elke Heidenreich. Unentwegt tauchen die Textilien als Symbole auf. Einmal vertauscht die Künstlerin zufällig ihren Trenchcoat an der Garderobe mit dem eines ihr unbekannten Mannes. Der stürmt in letzter Sekunde auf sie zu, weil er die Verwechselung bemerkte. Die beiden geraten ins Gespräch, gehen miteinander aus und werden schließlich für etliche Jahre ein Paar. Selbst dort, wo Elke Heidenreich scheinbar sämtliche Trümpfe ausreizt, sorgt sie noch für Überraschungsmomente. So philosophiert sie ungemein originell über Trachtenmode, Nachthemden, Pantoffeln oder Schaufensterpuppen, und zwar in einem erfrischenden Ton, der beim Leser für ausgedehnten Nachhall garantiert.

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