Gartenstadt entsteht aus dem Willen zur Selbsthilfe

Die Baugenossenschaft "Gartenstadt Reichenbach i.V." wurde vor 110 Jahren gegründet. Ein Kriterium für die Wahl des Bauplatzes sorgt bis heute für Erfolg.

Reichenbach.

Der "Kaiserhof", der seit 1898 als Konzert-, Theater- und Ballhaus sich einen Namen in Reichenbach erworben hatte, wurde für die Gründung der Baugenossenschaft "Gartenstadt Reichenbach i.V. (mit beschränkter Haftung)" genutzt. Am 8. März 1910 erschien im "Reichenbacher Tageblatt und Anzeiger" unter der Rubrik "Eingesandt" die Information über die beabsichtigte Gründung einer Baugenossenschaft. Vorausgegangen waren Überlegungen im Beamtenverein Reichenbach, preisgünstigen Wohnraum für Beamte und Angestellte in Reichenbach zu bauen.

Im Verein wurde ein Ausschuss gewählt, der sich mit der Vorbereitung der Gründung und mit der Beschaffung eines Baugrundstückes befasste. Das gefundene Gelände oberhalb der Bahnlinie Werdau/Zwickau-Reichenbach gehört noch heute zu den schönsten Wohnlagen in Reichenbach, gibt es doch den Blick frei auf den Joppenberg, Oberreichenbach und das entfernt liegende Erzgebirge. Die Lage hat wesentlich zum Erfolg der Genossenschaftsentwicklung "Gartenstadt" in Reichenbach beigetragen.

Das gewünschte Areal umfasste damals 33.000 Quadratmeter und befand sich im Besitz verschiedener Eigentümer. Am 4. Juni 1910 erfolgte die Gründung der Genossenschaft. Schuldirektor Eichhorn erläuterte in einem Vortrag die Idee, die sich auf die Selbsthilfe der Wohnungssuchenden gründete. Mit der stürmischen Industrialisierung im 19. Jahrhundert ging eine gravierende Wohnungsnot einher.

Beispielgebend für die Reichenbacher Initiative dürfte dabei die Gartenstadt Dresden-Hellerau gewesen sein, deren Bau etwa zur gleichen Zeit in Angriff genommen wurde. Mit der wachsenden Bevölkerungszahl um 1900 hatte Reichenbach 24.499 Einwohner und 1910 bereits 29.900. Mehr Wohnraum musste her. Bemerkenswert ist, wie Eichhorn feststellte, dass der privat geplante Bau von Arbeiter- und Beamtenwohnungen an der Zwickauer Straße nicht die Unterstützung der Industrie und der Stadtverordneten fand. So blieb nur die Selbsthilfe der Betroffenen.

Bereits auf der Gründungsversammlung der Genossenschaft meldeten sich 52 Interessenten und wurden Mitglied, weitere 83 kamen im Laufe des Jahres hinzu. Zum Ersten Vorsitzenden wurde Schuldirektor Eichhorn gewählt. Weitere Mitglieder des Aufsichtsrates waren von der Berufstätigkeit her Lehrer, Baufachleute, Eisenbahner, Postbeamte und Handlungsgehilfen.

Mit der Eintragung ins Genossenschaftsregister beim Amtsgericht begann eine rege Bautätigkeit auf dem "alten Vogel", indem bereits 1911 zehn Häuser mit 30 Wohnungen erstellt, nachdem bereits 1910 nach dem Bebauungsplan die Straßen angelegt worden waren. 1912 wurden dann 8 Häuser mit 24 und 1913 vier Häuser mit 9 Wohnungen gebaut. Außerdem errichteten 20 Mitglieder Eigenheime mit 21 Wohnungen und entlasteten damit die Genossenschaft finanziell.

Während des Ersten Weltkrieges ruhte gezwungenermaßen die weitere Bautätigkeit. In dieser schwierigen Zeit, die durch Hungersnot gekennzeichnet war, erwarb die Genossenschaft 21.000 Quadratmeter Land und vergab auf dieser Fläche 60 Gärten, die sehr schnell verpachtet waren. In den 1920er-Jahren gab es dann wieder eine verstärkte Bautätigkeit in der verlängerten Rosenstraße und an der Schreberstraße sowie auf dem Rosenplatz. Auch die Gebäude an der Kreuzleite ("Neue Welt") und an der Zwickauer Straße ("Lindenhof") zeugen von dieser Bautätigkeit.

Die Gartenstadt ist heute ein nicht mehr wegzudenkendes städtebauliches Ensemble mit hohem Wohnwert im Nordvogtland. Seit 1990 hat die Genossenschaft ihren Wohnungsbestand beträchtlich saniert und modernisiert.

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